Unbekannter fährt Wuschi tot

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Mit seinem treuherzigen Blick hat Wuschi manches Herz erobert. (Foto: pr)
Reiner Schick

Diesen Spaziergang wird Marieluise Spang so schnell nicht vergessen. Wie jeden Tag gönnte sie auch am 16. März ihrem Shizhu, einem Tibetanischen Tempelhund namens Wuschi, etwas Auslauf. „Trotz seiner schon 13 Jahre war er fit und agil. Aber er hatte keinen Jagdtrieb, und deswegen konnte ich ihn immer frei laufen lassen“, erzählt sein Frauchen. Die wenigen Auto- und Traktorfahrer, die den beiden begegneten, hätten in all den Jahren stets Rücksicht genommen.

An jenem schwarzen Freitag kommt ihnen auf dem Grünen-Plan-Weg beim Achstetter Urspringwäldle ein mächtiger Traktor mit Anhänger entgegen. Weil der wuschelige kleine Vierbeiner einige Meter vor ihr an der Seite des Weges läuft, warnt Marieluise Spang den Fahrer mit erhobenen Armen. Der Mann habe sein Tempo denn auch verlangsamt, aber die Maschine nicht ganz gestoppt. Wuschi wird das zum Verhängnis: Der kleine Hund gerät unter das Fahrzeug. Erst danach habe der Fahrer kurz angehalten und in das Gesicht der entsetzten Spaziergängerin geblickt – „dann ist er einfach davongefahren“, sagt sie.

Marieluise Spang kümmert sich sofort um ihren kleinen Freund, der reglos am Wegesrand liegt. „Ich habe ihn in meine Arme genommen, er hat kurz den Kopf gehoben und zu mir aufgeschaut, dann ist er weggenickt.“ Die 74-Jährige eilt mit dem Hund, der keine äußeren Verletzungen hat, nach Hause und fährt sofort zu einer Tierärztin. Dort ist Wuschi aber schon tot. Sein Frauchen begräbt ihn im Garten, auch ein paar Nachbarskinder kommen rüber und bringen Blumen zur „Beerdigung“.

Den Kindern war das Tierchen ebenso ans Herz gewachsen wie Marieluise Spang. „Er konnte Kunststücke“, erzählt sie, „zum Beispiel Männchen machen.“ Und bis Zwei zählen, fügt sie mit einem Lächeln an. „Von meiner Nachbarin hat Wuschi immer Leckerli bekommen. Irgendwann habe ich zu ihm gesagt: Zwei genügen, und von da an hat er nach dem zweiten immer aufgehört zu betteln.“ Tibetanische Tempelhunde seien früher gezüchtet worden, um in den kalten Schlössern den Prinzessinnen die Beine zu wärmen, erzählt Marieluise Spang. „Vielleicht hat er sich deswegen bei unseren Besuchern so gerne auf die Füße gelegt.“

„Keine Ansprache mehr“

Die alleinstehende Frau vermisst ihren Hund sehr. „Man glaubt gar nicht, wie man an so einem Tier hängt. Das merke ich erst jetzt richtig, wo Wuschi nicht mehr da ist.“ 13 Jahre lang war er da, auch als einziger „Ansprechpartner“ nach dem Tod ihres Mannes. „Ich habe mit dem Hund viel geschwätzt, quasi alles mit ihm besprochen. Jetzt habe ich keine Ansprache mehr“, sagt die 74-Jährige. Sie sei ihr Leben lang mit Hunden und Katzen aufgewachsen, „die sind gekommen und gegangen“, aber auf diese Weise ein geliebtes Tier zu verlieren, „das tut besonders weh“.

Acht Tage lang sei sie danach kaum ansprechbar gewesen, sagt sie – und das sei auch mit der Grund, warum, sie keine Anzeige erstattet habe. „Ich war nicht in der Lage. Außerdem hätte die Polizei bloß im Nebel gestochert, weil ich weder Fahrer noch Traktor richtig beschreiben kann. Das ging alles viel zu schnell.“

Schließlich hat sie aber doch noch eine Anzeige ins Achstetter Mitteilungsblatt gesetzt und um Zeugenhinweise gebeten – ohne große Hoffnung auf Erfolg. „Wenn sich der Mann schon nicht meldet, soll er wenigstens ein schlechtes Gewissen haben. Und vielleicht hält er beim nächsten Hund ja an“, sagt Marieluise Spang. „Meinem Wuschi war ich das schuldig.“

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