Kleine Lucia: So lebt sie nach der Heimkehr

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Tägliche Routine: Lucia Meister (2. von links) bei den Hausaufgaben. Freundin Kiara, Bruder Kevin und Mama Elina sind ausnahmswe
„Der Anfang war nicht ganz leicht“ (Foto: Barbara Braig)
Redaktion Laupheimer Anzeiger

Gut drei Monate ist es her, dass Elina Meister ihre Tochter Lucia nach einem Jahr verzweifelter Suche wieder in die Arme schließen konnte. In den 100 Tagen, die seither vergangen sind, hat die Familie versucht, wieder zur Normalität zurückzukehren. Dennoch: Die lange Zeit der Ungewissheit hat Spuren hinterlassen.

Die siebenjährige Lucia saust die Treppe im Wohnhaus ihrer Familie in Achstetten hinunter. In der Hand hält sie ein Blatt mit Schulaufgaben: „Mama, kannst du mir mal helfen?“ Geduldig schaut sich Mutter Elina das Ganze an, und als Lucia wieder nach oben in ihr Zimmer verschwindet, lächelt die 27-Jährige ein wenig. „Am liebsten hätten mich meine Kinder bei den Hausaufgaben immer dabei.“

Wer weiß, was hinter der Familie liegt, kann diesen Wunsch von Lucia und ihrem älteren Bruder Kevin wahrscheinlich verstehen: Ein gutes Jahr lang wurde die damals Sechsjährige von ihrem ägyptischen Vater in dessen Heimat versteckt gehalten und von einem Ort zum anderen gebracht. Erst Ende Juli dieses Jahres sahen sich Mutter und Tochter in Kairo zum ersten Mal wieder; wenige Tage später reisten die beiden in Begleitung des Kindsvaters zurück nach Deutschland. Der Mann wurde noch am Flughafen in München festgenommen.

Nur Arabisch gesprochen

„Der Anfang war nicht ganz leicht“, bekennt Elina Meister. Nach der überwältigenden Freude, ihre Tochter wieder in die Arme schließen und ihr endlich sagen zu können, dass sie immer gesucht und vermisst wurde, musste die junge Frau erkennen, dass das Mädchen während des „verlorenen“ Jahres viel erlebt hat, ohne ihre Mutter an ihrer Seite zu haben.

„Sie kam mir in den ersten Tagen irgendwie fremd vor“, erzählt Elina Meister. Bei aller Zuversicht, die sie ausstrahlt, klingt auch Wehmut mit, ist zu spüren, dass die Zeit der Suche Wunden verursacht hat, die tiefer liegen und Zeit brauchen, um zu heilen. „Sie ist gewachsen in diesem Jahr, und sie war so dünn, als ich sie das erste Mal wiedergesehen habe.“ Die ersten Milchzähne seien ihr ausgefallen – „Ich hätte natürlich die Zahnfee kommen lassen“. Es sind Begebenheiten, die Elina Meister daran erinnern, was sie verpasst hat.

In den ersten Wochen nach ihrer Rückkehr sprach Lucia ausschließlich Arabisch und nur wenige Brocken Englisch. Ihre Muttersprache Deutsch schien sie vergessen zu haben. Doch Lucias bester Freundin Kiara und auch ihrem Bruder Kevin war das egal: Die Kinder überbrückten die Sprachbarriere mit Spielen und Lachen, und so kehrte auch die Sprache zurück. „Mittlerweile korrigiert sie sogar andere, wenn sie einen Fehler machen“, erzählt ihre Mutter. Im September wurde Lucia mit einem Jahr Verspätung eingeschult. „Lucia liebt die Schule“, sagt Elina Meister. „Am liebsten würde sie sogar am Wochenende hingehen.“

Einiges nachgeholt

Also alles normal, alles wie bei anderen Familien? Nicht ganz. Auch wenn Lucia oberflächlich betrachtet ein glückliches Kind zu sein scheint und man ihr im Alltag nichts anmerkt, ist ihre Mutter überzeugt, dass sie das Erlebte noch lange nicht verarbeitet hat. Bis heute rede Lucia fast gar nicht über ihre Zeit in Ägypten, frage auch nicht nach dem Vater. „Dass sie nichts erzählt, hat mich vor allem am Anfang sehr belastet“, sagt Elina Meister. Will die Mama einmal alleine weggehen, wird Lucia nervös. „Wenn noch jemand dabei ist, geht es, aber wenn ich mich zum Beispiel mit einer Freundin treffen will und das Haus ohne Begleitung verlasse, ist sie unruhig und kann auch nicht einschlafen“, sagt die Mutter. Nach der Rückkehr aus Ägypten schliefen Mutter und Kinder in einem Bett; erst seit die Schule wieder begonnen hat, verbringen Sohn und Tochter die Nächte wieder in ihren eigenen Betten.

Anfang August nahm Elina Meister eine Auszeit mit ihren Kindern und ihrer Mutter Helene: „Die Ruhe tat uns gut. Die Zeit vorher war schon stressig, denn natürlich wollten uns alle besuchen und beglückwünschen, dass Lucia wieder daheim ist.“ Im Urlaub mit ihrer Familie hat Lucia schwimmen gelernt, tobte mit ihrem Bruder im Wasser, konnte ein bisschen von dem nachholen, was sie ein Jahr lang verpasst hatte.

"Ich fühle gar nichts"

Ein Jahr, in dem Elina Meister zwischen Deutschland und Ägypten pendelte. Ein Jahr, in dem sie weder für Lucia noch für Kevin richtig da sein konnte. Noch sind die Wunden nicht richtig verheilt. Demnächst beginnt Lucia eine Therapie – vielleicht, so die Hoffnung der Mutter, wird sie dann über das Erlebte sprechen können. Doch es gibt auch Positives: Elina Meister weiß jetzt, dass sie Freunde hat, auf die sie zählen kann. Jenny Gunther zum Beispiel. „Wir kannten uns vor Lucias Verschleppung nur vom Sehen“, erzählt sie. Um der Familie zu helfen, gründete Gunther den Verein „Helferherz für entführte Kinder“, kämpfte für Lucias Heimkehr. „Heute stehen sich Elina und ich so nahe, als wären wir eine Familie.“ Das Erlebte schweißt zusammen.

Nach den Gefühlen für ihren Ex-Partner gefragt, sagt Elina Meister: „Eigentlich fühle ich da gar nichts. Mir wäre es lieber gewesen, er wäre nicht mitgeflogen. Momentan bin ich einfach froh, dass ich zur Ruhe kommen kann und keine Angst vor ihm zu haben brauche.“ Wenn es zum Prozess kommt, wird sie als Nebenklägerin im Gerichtssaal sein. Vor einem Wiedersehen mit Lucias Vater „habe ich schon etwas Bammel“, sagt sie. Denn eigentlich wünscht sie sich nur eins: „Ich will nur in Frieden mit meinen Kindern leben.“

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