Psychisch kranker „Autokratzer“ bleibt auf freiem Fuß

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 Prozess am Landgericht.
Prozess am Landgericht. (Foto: Symbol: Arne Dedert/dpa)
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Wegen Schuldunfähigkeit hat das Landgericht Konstanz gestern einen 41-jährigen Mann aus Überlingen vom Vorwurf der 59-fachen Sachbeschädigung freigesprochen. Im Sommer 2018 beschädigte er rund 50 in Überlingen geparkte Fahrzeuge und richtete damit einen Gesamtschaden von 141 742 Euro an. Laut psychiatrischem Gutachten leidet er unter einer paranoiden Schizophrenie. Das Gericht ordnete eine Unterbringung in der Psychiatrie an, setzte den Vollzug aber unter strengen Auflagen für drei Jahre zur Bewährung aus und ordnete Führungsaufsicht an.

Der 41-Jährige zeigte sich vor Gericht fasziniert von „brutalen Killerspielen“, mit denen er seine Freizeit verbringt. Im Sommer hingegen sei er viel am See. Außerdem konsumiere er gerne Cannabis – ob als Rauchware, in Muffins oder im Tee. Das bringe ihn runter, denn er fühle sich ständig verfolgt von Drogendealern oder anderen Menschen, die ihm Böses wollen. Inzwischen rege ihn das kaum mehr auf. Aber im Juni, Juli und August 2018 sei er aufgrund andauernden Schlafentzugs am Ende gewesen.

Seine „Verfolger“ hätten jede Nacht vor seinem Fenster „Lärmfolter“ betrieben. So machte er sich nachts auf den Weg durch die Stadt und ritzte Wörter, Ziffern oder stilisierte Phallussymbole in Scheiben und Lack von geparkten Autos. Weil immer wieder das Wort „Hans“ auftauchte, nannte die Überlinger Polizei ihre vierköpfige Ermittlungsgruppe ebenso. Rund 50 Autobesitzer hatten Schäden zwischen jeweils 500 und 7500 Euro zu beklagen. Gefasst wurde der 41-Jährige mithilfe von Überwachungskameras und einer Öffentlichkeitsfahndung.

Vor Gericht stellte er die Anklage nicht infrage, verwies aber auf seine Ausnahmesituation: „Was hätte ich denn sonst tun sollen – jemanden zusammenschlagen?“ fragte er, und warf die Arme hektisch in die Luft. Unruhig auf seinem Stuhl zappelnd versuchte er in abgehackten Wortsalven vergeblich zu erklären, warum er das Eigentum ihm völlig unbekannter Menschen beschädigt hat. Da habe er schon Scheiße gebaut, meinte er schließlich, aber als eigentliches Opfer sah und sieht er sich selbst.

Kurz vor den Taten habe ihn seine Freundin nach langer On-Off-Beziehung endgültig verlassen. Aufgrund dieser Kränkung sei der 41-Jährige in ein altes Muster zurückgefallen. Bereits vor 16 Jahren habe er das Auto seiner damaligen Freundin total zerkratzt, nachdem diese sich von ihm getrennt hatte. Für diese Sachbeschädigung kassierte er eine seiner insgesamt fünf Vorstrafen. Nach der jüngsten Trennung von seiner 32-jährigen Freundin aus Ulm betätigte sich der 41-Jährige in Überlingen über sechs Wochen hinweg als Serienvandale. Die 32-Jährige berichtete, dass sie bereits nach einem kurzen Versuch des Zusammenlebens mit dem 41-Jährigen auf eine Wochenendbeziehung bestanden habe. Sie habe ihn gemocht, weil er „eigentlich ein netter Mensch“ gewesen sei. Aber er sei eben auch „total cholerisch“ gewesen, habe sie angeschrien, aus dem Zimmer gewiesen und für all seine schlechten Gefühle verantwortlich gemacht. „Schon beim kleinsten Fehler von mir ist er ausgerastet“. Nach der Trennung habe er sie in Ulm aufgesucht, geschlagen und in ihrer Wohnung randaliert. Die Polizei musste letztlich einschreiten.

Das Gericht stellte zunächst durchaus gute soziale Anlagen bei dem Angeklagten fest. Als gelernter Orthopädietechniker habe er Menschen mit diversen Gebrechen geholfen und den Zivildienst in einem Altenheim absolviert. Auch jetzt ist er im Pflegebereich tätig. Viele Arbeitsplatz- und Ortswechsel hat er hinter sich weil es irgendwann immer Streit gab. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung stellte die Polizei eine gut ausgestattete Indoor-Marihuanaanbau-Anlage und ein Dutzend Marihuanapflänzchen sicher. Der 41-Jährige war angeblich „Selbstversorger“.

Aber auch einen Schlagring und eine Armbinde mit dem Logo einer rechtsnationalen Gruppierung wurden bei ihm gefunden. Die hat er auch getragen. Als das vor Gericht erwähnt wird, fragt er: „Darf man das nicht?“ In die Autos, alle gehobene Mittelklasse, ritzte er mit einem Schlüssel oder Stein in einem Fall auch ein Hakenkreuz. „Ich bin schon ein kleiner Rassist“, meint er dazu und macht seine stramme „deutsche“ Erziehung dafür verantwortlich. Dass er nie mehr Autos zerkratzen will, hat er schon der Polizei versprochen. Zur Kontrolle seines Zustands und zur Therapie seiner Erkrankung muss er sich jetzt regelmäßig in der psychiatrischen Ambulanz Friedrichshafen vorstellen.

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