Zettelwahn dank Bonpflicht: So denken Tettnanger Bäcker über das neue Gesetz

Lesedauer: 4 Min
Esther Reck zeigt, wie viele Bons sich angesammelt haben.
Esther Reck zeigt, wie viele Bons sich angesammelt haben. (Foto: Karoline Ploetz)
kp und Karoline Ploetz

Seit 1. Januar gilt in Deutschland die Kassenbonpflicht für Kleinbetriebe. Heißt: Für jeden Einkauf wird nun ein Kassenzettel ausgedruckt – ob der Kunde möchte, oder nicht. Auch wer sich nur beim Bäcker schnell eine Brezel holt, bekommt neben dem Laugengebäck noch einen Kassenzettel in die Hand gedrückt. Das neue Gesetz soll vor Steuerhinterziehungen schützen, die sich laut Bundesrechnungshof jährlich auf Milliardenhöhe belaufen. Die SZ hat sich umgehört, was die neue Bonpflicht für die Tettnanger Bäckereien in der Praxis bedeutet.

„Wir haben manipulationssichere Kassen. Die Politik sollte lieber bei den ’Großen’ anfangen und nicht bei den kleinen Bäckereien“, meint beispielsweise Tobias Bär von der gleichnamigen Bäckerei. „Außerdem habe ich zu Beginn des Jahres umweltfreundliche Jutebeutel eingeführt. Das ist ein extremer Widerspruch zu der neuen Bonpflicht“, ärgert sich Bär. Zudem wollten die meisten Kunden gar keinen Bon haben – erst recht nicht für einen durchschnittlichen Einkauf von 5,50 Euro.

Margret Fischer von der Bäckerei „Zeh“ in der Karlstraße ist ähnlicher Meinung: „Das Einzige, was uns die Bonpflicht bringt, ist ein erhöhter Arbeits- und Kostenaufwand. Ein bis zwei Kartons Müll produzieren wir täglich. Außerdem führt der zusätzliche Arbeitsschritt zu längeren Wartezeiten“, sagt sie. Etwa 90 Prozent der Kunden wollten keine Kassenbons mitnehmen.

„Das ist nicht mehr als eine reine Papierverschwendung und für uns als Mitarbeiter zusätzlich total nervig“, erzählt auch Carola Steinmeier von der Bäckerei Frick. Im Bioladen „Goldbrunnen“ sieht es nicht anders aus. Denn auch dort wollen lediglich zehn Prozent der Kunden einen Kassenzettel haben. Inhaber Josef Heim erläutert, dass alle Abrechnungen über das Computersystem laufen und es somit nicht möglich sei, dass Geld „verloren“ ginge. „Zwar benutzen wir spezielle Ökobons aus umweltfreundlichem Papier, aber dennoch finde ich, dass die neue Vorschrift eine reine Papierverschwendung ist“, sagt Heim.

Trotz des Ärgers bei allen Betroffenen über die Maßnahme, sind die Händler dazu verpflichtet. Zwar sei ein Verstoß gegen das Gesetz laut Bundesfinanzministerium „nicht bußgeldbewährt“, aber der Verstoß könnte vom Finanzamt als Nichtentsprechung der Aufzeichnungspflichten gesehen werden. Der Kunde ist in Deutschland jedoch nach wie vor nicht verpflichtet, den Kassenzettel mitzunehmen.

Beim „Reck-Beck“ steht deshalb eine große Kiste auf dem Tresen, in dem alle Kassenzettel gesammelt werden, die die Kunden nicht mitnehmen wollen. „Die ist innerhalb von vier Tagen voll“, sagt Esther Reck. „Normalerweise mussten wir alle zwei Wochen eine neue Kassenrolle kaufen. Nun müssen wir das täglich machen“, fügt sie hinzu.

Die Kleinhändler könnten sich ein neues elektronisches Kassensystem besorgen, um dem Zettelwahnsinn zu entgehen. Damit bekommt der Kunde einen Code für sein Smartphone und kann den Bon dort aufrufen. Doch derartige Systeme sind teuer. Eine optimale Lösung scheint es also zeitnah noch nicht zu geben.

Meist gelesen in der Umgebung

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen