Wie viel Burg im Schloss steckt

Lesedauer: 4 Min
In dem bis auf den letzten Platz besetzten Bacchussaal referiert der Kunsthistoriker Wolfgang Wiese (links) über Ursprung und Ba
In dem bis auf den letzten Platz besetzten Bacchussaal referiert der Kunsthistoriker Wolfgang Wiese (links) über Ursprung und Baumerkmale des Neuen Schlosses. (Foto: Gisbert Hoffmann)
Gisbert Hoffmann

Im gut besuchten Bacchussaal des Neuen Schlosses hat Helga Müller-Schnepper bei ihrer Begrüßung Zweck und Ziel der von ihr geleiteten Vortragsreihe der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württembergs erläutert. In der Reihe werden Forschungsergebnisse und zahlreiche neue Erkenntnisse der vergangenen Jahre vorgestellt. Der Kunsthistoriker und Konservator Wolfgang Wiese hatte vor seinem Ruhestand die im vergangenen Jahr abgeschlossene Restaurierung des Neuen Schlosses in Tettnang geleitet. Er ging in seinem mit vielen Bildern gestalteten Vortrag zunächst auf die Geschichte des Hauses Montfort ein.

Anschließend griff er die Frage auf, wie viel von der alten Burganlage noch im Neuen Schloss steckt und machte sich auf Spurensuche. Neben den steil abfallenden Flanken zum Tobel und zum Schussental hin fand er Spuren von Absenkungen auch auf den anderen Seiten der vierflügeligen Anlage. Diese könnten darauf hindeuten, dass sich dort tiefe Burggräben befanden, die man zugeschüttet hat.

Noch während der Bauphase stellte der Bauherr Graf Anton III. von Montfort 1713 an seinen Baumeister Christoph Gessinger die Frage, ob man nicht auf die Brücke zum Schloss hin verzichten könne, fand Wiese heraus.

Wiese skizzierte anschließend die Typologie von Schlossanlagen, um den Tettnanger Bau im weiteren Sinn verstehen zu können. „Die Burg war stets in erster Linie ein Wehrbau, das Schloss hingegen ein Wohnbau“, zitierte er den Kunsthistoriker Walter Hotz. Während vierflügelige Schlösser eher noch an die Wehrfunktion einer Burg erinnern, vermitteln Zwei- und Dreiflügelanlagen mit ihren Ehrenhöfen eine einladende Geste. Für das Neue Schloss dürfte die Messkircher Vierflügelanlage als Vorbild gedient haben. Die mit Pilastern gegliederte Fassade erinnert dagegen an das Schloss Meersburg, das ebenfalls unter Gessinger entstanden ist.

Im letzten Abschnitt seines Vortrags ging Wiese auf die charakteristischen Baumerkmale ein, die Schlösser zu „politischen Kulminationspunkten“ gemacht haben. Dazu zählen Schlossgräben, bei denen die Brücken den Blick und den Weg Richtung aufwendig gestalteter Portale lenken. Auch Türme, wie die auf Eck gestellten in Tettnang, sind Statussymbole herrschaftlicher Macht. Seit der Renaissancezeit ist die Regelmäßigkeit der Baustrukturen ein weiteres sinngebendes Architekturprinzip. Abschließend betrachtet sieht Wiese im Neuen Schloss einen gelungenen Versuch der repräsentativen Selbstdarstellung der Grafen, die sich damit ein Denkmal und in der Region eine historische Landschaftsmarke gesetzt haben.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen