Wer hilft am Ende eines Lebens?

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 Der Hospizverein Tettnang möchte dafür sorgen, dass mehr Menschen beim Sterben zuhause begleitet werden können.
Der Hospizverein Tettnang möchte dafür sorgen, dass mehr Menschen beim Sterben zuhause begleitet werden können. (Foto: dpa)
Angela Schneider

Das Jubiläumsjahr des Hospizvereins Tettnang ist fast vorbei – da bietet sich an, eine Bilanz zu ziehen und zu fragen, wie gut die ambulante Hospizarbeit in Tettnang verankert ist. Hubert Jocham als Vorsitzender des Hospizvereins hat sich Zeit für ein Gespräch genommen. „Wir haben mit unseren Veranstaltungen viele Menschen erreicht“, ist sich Jocham sicher. Trotzdem beschäftigt ihn ein Thema: „Bei unserem Festakt im Oktober haben wir einen Slogan in den Mittelpunkt gestellt. Der lautete: Für alle, die es brauchen“, erinnert sich Hubert Jocham.

Er nennt zwei Zahlen: Rund 900 000 Menschen sterben pro Jahr in Deutschland, und nur 4,3 Prozent von ihnen werden ehrenamtlich begleitet. Und mehr als 90 Prozent der Menschen möchten zwar daheim sterben. „Doch die meisten Menschen, die wir begleiten, sterben in einer Einrichtung oder dem Krankenhaus. Und im Krankenhaus sterben zu viele alleine“, sagt Hubert Jocham. Es sei also bei weitem noch nicht so, dass alle, die eine Begleitung wollen und brauchen, sie auch bekommen. Daran möchte Hubert Jocham zusammen mit dem Verein in der kommenden Zeit perspektivisch arbeiten.

Den Hospizverein gibt es seit zehn Jahren, eine Gruppe hat die ambulante Begleitung Sterbender und ihrer Angehöriger vor 25 Jahren in Tettnang ins Leben gerufen. Mit dieser Erfahrung bestehen in Tettnang gut funktionierende und belastbare Strukturen, die nicht zuletzt auch von den fundiert ausgebildeten Begleitern getragen werden. Hubert Jocham wünscht sich, dass die Zahl der Begleitungen noch steigt. Er lehrt und forscht an der Fachhochschule Vorarlberg im Fachbereich Soziales und Gesundheit und bringt im Bereich Hospiz- und Palliativversorgung viel Erfahrung mit. Die Versorgung kranker und sterbender Menschen ist komplex: „Bis zu 80 Personen müssen angesprochen werden“, zeigt Jocham auf einem Schaubild. Hospizdienste seien in diesem Netzwerk tatsächlich nur ein kleiner Teil – aber eben ein wichtiger.

Die Zahl der Begleitungen soll noch steigen

Zunächst einmal ist eine hospizliche Begleitung für den Sterbenden da und unterstützt auf der körperlichen Ebene mit bestimmten Handreichungen, aber auch auf der psychischen und seelisch-spirituellen Ebene. Hubert Jocham holt zu einem Exkurs über die „Ars moriendi“ aus, die „Kunst des Sterbens“, und gelangt „zu teils brutalen Fantasien“, die vor allem junge Menschen heute übers Sterben haben. „Jedes Sterben eines nahestehenden Menschen macht auch etwas mit den Angehörigen“, sagt Hubert Jocham. Wenn die hospizliche Begleitung ein sanftes Übergleiten ermöglicht, helfe diese Möglichkeit wiederum auch den Angehörigen. „So ist der Hospizdienst am Ende eben auch ein Dienst am Leben, denn für die Angehörigen geht das Leben weiter, und sie sind ebenso die Adressaten unserer Unterstützung“, erklärt Hubert Jocham. Die Begleitung endet für den Verein nicht mit dem Tod des Verstorbenen, sondern geht manchmal fließend in die Trauerbegleitung über, wie am Beispiel des monatlich stattfindenden Trauercafés deutlich würde.

Wichtige Multiplikatoren für die Anforderung des Hospizdienstes sind vor allem Einrichtungen wie Pflegeheime und Krankenhäuser und dort besonders Pflegekräfte und Ärzte. Aber auch die Hausärzte spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, ein Unterstützungsnetzwerk für Sterbende und ihre Familien zu knüpfen. „Wenn wir es schaffen, diesen Multiplikatoren im Sinne von Netzwerkpartnern Informationen zu vermitteln und Verständnis zu schaffen, dann können wir das Netzwerk größer machen“, ist sich Hubert Jocham sicher. Der Verein mit seinen Ressourcen, seiner Logistik und seinem Know-How jedenfalls steht bereit.

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