Wenn weniger plötzlich mehr ist

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 Minimalistinnen unter sich (von links): Verena, Nicole, Silke, Christiane Ginglseder, Josi, (Daniel wollte nicht), Michelle, M
Minimalistinnen unter sich (von links): Verena, Nicole, Silke, Christiane Ginglseder, Josi, (Daniel wollte nicht), Michelle, Melanie Friedrich, Samuel Ginglseder (Moderator). (Foto: Annette Rösler)
Annette Rösler

Weitere Informationen über Aktivitäten der Anlaufstelle für Bürgerengagement gibt es unter

melanie.friedrich@tettnang.de

www.familieordentlich.de

Zu einem Erfahrungsaustausch über einen Lebensstil ohne unnötigen Ballast haben sich am Mittwochabend Minimalisten in der Anlaufstelle für Bürgerengagement getroffen. Nach einem gut besuchten Workshop vor einigen Wochen zu diesem Thema hat man beschlossen, regelmäßig bei einem Stammtisch über Erfahrungen zu sprechen und neue Impulse zu erhalten. Als besondere Gäste wurden Samuel und Christiane Ginglseder, die auch den Workshop geleitet hatten, von Melanie Friedrich, der Leiterin der Anlaufstelle für Bürgerengagement, willkommen geheißen. Bei selbst gebackenem Brot und veganen Aufstrichen wurden reichlich Gedanken in den Raum gestellt.

Ein wichtiger Aspekt war der Umweltgedanke. In vielen Städten gibt es beispielsweise „Unverpacktläden“, in denen man nahezu alle Lebensmittel aus regionaler, fairer und nachhaltiger Produktion ohne Wegwerfverpackungen offen kaufen kann. Auch für eine Stadt wie Tettnang könnte das interessant sein, befanden die Teilnehmer. Bedarf gibt es auch bei Kleidung, die fair hergestellt wurde, aus guter Qualität besteht und lange hält, so die Runde. Waschmittel und Kosmetikprodukte ohne umweltbelastende Zusatzstoffe sind einfach selbst herzustellen. Minimalistischer Lebensstil lässt sich nach Ansicht der Gruppe also auf viele Arten und von allen Altersgruppen anwenden.

Und was bringt er den Gästen? Michelle, eine Schweizerin, die viel mit dem Rucksack auf Reisen war, empfand bei der Rückkehr ihre Wohnung erdrückend. Daraufhin hat sie das Meiste weggegeben und sich dazu entschlossen, gemeinsam mit ihrem Freund ein Tiny-House (Mini-Haus) zu bauen.

Josi und Daniel machen es ähnlich, auch sie wollen auf kleinstem Raum ohne Ballast leben. Daniel hat dieses „freie Leben“ in Ungarn kennengelernt. Als er sein Grundstück dort verkauft hat, musste alles weg, wie er sagt. Er sei kein Konsumverweigerer, aber er merke immer wieder, dass er viele Dinge einfach nicht braucht. Das Glücksgefühl, welches Frustkäufe oft vermitteln, halte nur sehr kurze Zeit an, so Daniel.

Christiane Ginglseder benötigt, wie sie sagt, einen kleinen Schubs, um sich von unnötigen Dingen zu lösen. Jetzt sei das Sofa weg, der Esstisch, den sie bei Ebay angeboten habe, sei gleich am ersten Tag abgeholt worden, was ihr im Moment schon einen kleinen Schock versetzt habe. Da Christiane und Samuel auch kein Auto mehr besitzen, nutzen sie Bahn und Fahrrad, was mittlerweile sehr entspannend sei.

Silke, die schon beim Workshop dabei war, ist vor längerer Zeit durch ihren Exfreund inspiriert worden, er hatte einfach ein altes Klavier zum Kleiderschrank umfunktioniert. Sie selbst sieht sich auch als sehr kreativ. Alles, was lange nicht benutzt wird, kommt weg. Dafür werden übriggebliebene Dinge mehrfach genutzt.

Verena stammt aus Bremen, lebt in Freiburg und betreibt Forschungen zum Minimalismus für die Universität Oldenburg. Sie besucht Veranstaltungen zu dem Thema und ist beruflich und privat daran interessiert. Als sie von Tettnang hörte, sei sie positiv überrascht gewesen, dass es in einer kleinen Stadt so viele Interessierte gibt. Klar, sei es in der Großstadt einfacher, minimalistisch zu leben, schon wegen der besseren Infrastruktur bei öffentlichen Verkehrsmitteln.

Durch ihre drei kleinen Kinder ist Nicole auf den Minimalismus gestoßen. Die Familie lebt in einem großen Haus und Nicole hatte irgendwann das Gefühl, mehr Zeit mit der Pflege der „Dinge“, als mit ihren Kindern zu verbringen, wie sie sagt. Sie spürte, wie sie immer gereizter wurde und begann drastisch zu reduzieren. Auch die Kinder hätten dabei gelernt, ihr Herz nicht zu sehr an „Dinge“ zu hängen. Wichtig sei ihr, dass die Kinder Zeit zum Spielen haben und nicht zu stark verplant sind, auch das gehöre zum Minimalismus. Schade findet es Nicole, wenn beide Eltern arbeiten gehen, um ihren hohen Lebensstandard zu erhalten. Die wertvolle Zeit in den ersten Jahren sollte eigentlich den Kindern gehören, meint sie. Natürlich könne sie nicht das Haus ausräumen und alle überflüssigen Spielsachen wegwerfen, doch sie habe das Gefühl auf einem guten Weg zu sein.

Weitere Informationen über Aktivitäten der Anlaufstelle für Bürgerengagement gibt es unter

melanie.friedrich@tettnang.de

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