Was ein Musikschulleiter zu Kunst in Zeiten des Internets sagt

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Musikschulelleiter Wolfram Lutz mit seinen beiden Instrumenten: Geige und PC-Maus.
Musikschulelleiter Wolfram Lutz mit seinen beiden Instrumenten: Geige und PC-Maus. (Foto: Thilo Bergmann)
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Wolfram Lutz (57), ist in Biberach aufgewachsen, hat den Wehrdienst als Geiger absolviert und am Mozarteum Salzburg das Konzertfach Violine studiert. Er war außerdem Fachbereichsleiter an der Musikschule Markdorf und dann Leiter der Musikschule Ochsenhausen. Seit 1998 ist er in Tettnang.

Seit 1998 leitet Wolfram Lutz die städtische Musikschule Tettnang. Warum gemeinsames Musizieren für ihn so wichtig ist, was ihn besonders geärgert hat und wie Lutz die Qualität der Musikkapellen in der Region einschätzt, hat er Thilo Bergmann im Interview verraten.

Vor 20 Jahren sind Sie an die Musikschule Tettnang gekommen. Was haben Sie hier vorgefunden?

Damals hatte die Schule 550 Schüler und Nachwuchsprobleme waren vorherzusehen. Es gab zum Beispiel nur vier Früherziehungskurse. Heute haben wir mehr als 30 dieser Kurse und inzwischen sind wir zahlenmäßig mit 1100 Schüler die größte Schule Tettnangs.

Wie viel klassische Schule steckt denn in Ihrer Einrichtung?

Wir haben auch einen Bildungsauftrag und wollen die Kinder ja nicht nur eine halbe Stunde lang beschäftigen. Wir glauben daran, dass dauerhafte Freude durch Erfolg kommt. Und Erfolg kommt, wenn man Kinder immer weiter bildet. Darin sind wir den allgemeinbildendend Schulen gleich. Wir haben auch Lehrpläne. Aber wir schreiben keine Klassenarbeiten oder stellen auch kein Zeugnis aus. Wir sind mit den allgemeinbildenden Schulen in Tettnang und den Ortsteilen sehr gut vernetzt.

Was hat sich neben der Anzahl der Früherziehung in 20 Jahren verändert?

Wir haben im Team die Situation analysiert und die Fachbereiche so organisiert, dass jetzt überall auch Ensemblearbeit möglich ist. Gemeinsames Musizieren ist eine der wesentlichen Pfeiler für uns, zur Zeit haben wir mehr als 20 Ensembles.

Warum ist Ihnen das gemeinsame Musizieren Ihrer Schüler so wichtig?

Wer mit anderen gemeinsam musiziert, der kann sich behaupten, sich trotzdem einordnen und auf ein Ziel hinarbeiten. In der heutigen Zeit, wo 13-Jährige laut Statsitik im Landkreis Bodensee vier Stunden täglich im Netz sind, müssen Kinder und Jugendliche etwas kreatives zum Ausgleich machen. Einer meiner Bratschenschüler ist auch viel im Internet und findet musizieren dennoch cool. Das hat mich sehr beeindruckt. Es ist wichtig, selbst etwas zu machen, statt sich zu berieseln lassen. Musik fördert die Seele. Und die Seele sehe ich im Internet nicht gefördert.

Gab es Situationen, in denen Sie sich geärgert haben?

Wir sind eine städtische Einrichtung und die Zusammenarbeit mit der Stadt ist sehr gut. Eine Sache stieß mir aber im Gemeinderat auf. 2014 wurden in unseren Räumen Schallwerte gemessen, die gesundheitsgefährdend sind. Deshalb bekommen wir auch einen Neubau. Manche Gemeinderäte haben damals die Notwendigkeit nicht eingesehen, obwohl die Gesundheitsgefährdung ärztlich festgestellt wurde. Deshalb hat es mich schon sehr gefreut, dass der Gemeinderat 2018 beschlossen hat, dass wir nun die erforderlichen Räume bekommen.

Wie häufig kommen Sie heute noch zum Spielen?

Ich komme leider sehr wenig selbst zum Üben, weil es so viel Organisation gibt, was einfach gemacht werden muss. Mir ist es wichtiger, dass die Schule läuft, als dass ich drei Stunden geübt habe. Wir haben mehr als 20 Unterrichtsstätten in Tettnang und den Teilorten. Da passiert es ganz schnell, dass Pläne sich ändern.

Die Musikvereine spielen ja eine große Rolle in der Region. Wie begegnen Sie sich?

Wir haben sieben Musikkapellen, mit denen wir kooperieren. Mit allen gibt es Berührungspunkte und die Meisten lassen von uns unterrichten. Ab drei Schülern versuchen wir einen unserer Lehrer vor Ort zu bringen. Die meisten Vereine lassen heutzutage durch Profis ausbilden, das sichert die Qualität. Die Musikkapellen in der Region haben eine sehr hohe Qualität. Es gibt einige Vorsitzende und Dirigenten in der Region, die ehemalige Schüler der Musikschule sind.

Und wie geht es mit der Musikschule weiter?

Ich hoffe, dass wir in den nächsten zehn Jahren weiter ältere und jüngere Schüler dazu bekommen und diese sich mit Musik beschäftigen, wir haben ja auch Schüler im Seniorenalter. Wir wollen natürlich Leistungsträger möglichst optimal fördern. Aber ein wesentliches Ziel ist es auch, möglichst viele Mitglieder der Gesellschaft mit Musik zu erreichen.

Wolfram Lutz (57), ist in Biberach aufgewachsen, hat den Wehrdienst als Geiger absolviert und am Mozarteum Salzburg das Konzertfach Violine studiert. Er war außerdem Fachbereichsleiter an der Musikschule Markdorf und dann Leiter der Musikschule Ochsenhausen. Seit 1998 ist er in Tettnang.

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