Im Krankenhaus mit Corona infiziert? Walter Brummel verklagt Klinik Tettnang

 Walter Brummel verklagt die Klinik Tettnang auf Schadensersatz. Er kam nach einem schweren Covid-19-Verlauf nur knapp mit dem L
Walter Brummel verklagt die Klinik Tettnang auf Schadensersatz. Er kam nach einem schweren Covid-19-Verlauf nur knapp mit dem Leben davon und ist überzeugt, dass er sich aufgrund mangelnder Hygienestandards in der Klinik Tettnang mit Corona angesteckt hat. (Foto: Linda Egger)
Redakteurin

Dreieinhalb Wochen lang hat Walter Brummel im künstlichen Koma auf der Intensivstation im Universitätsklinikum Tübingen gelegen und ums Überleben gekämpft. Der 58-Jährige verklagt jetzt die Klinik Tettnang auf Schadensersatz, weil er überzeugt ist, dass er sich dort im Dezember 2020 mit Corona infiziert hat. Und dass die Klinik keine ausreichenden Maßnahmen ergriffen hat, das zu verhindern.

Dass er heute, knapp zwei Jahre später, wieder an seinem Schreibtisch sitzen würde, hätten auch seine Ärzte damals nicht für möglich gehalten, sagt Brummel. Der Prozess begann vor gut zwei Wochen mit der Güteverhandlung am Landgericht Ravensburg – und könnte im neuen Jahr fortgesetzt werden. Auf dem Tisch liegt ein Vorschlag des Gerichts zur gütlichen Einigung.

Der Schnelltest bei der Aufnahme ist negativ

Auf aktuelle Fragen der „Schwäbischen Zeitung“ hat der Medizin Campus Bodensee (MCB), zu dem die Klinik Tettnang gehört, mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht geantwortet. Im Dezember 2020 gab es allerdings eine intensive Berichterstattung, in deren Rahmen der MCB zu einzelnen Aspekten Stellung genommen und den jeweiligen Stand abgebildet hatte. Die Schilderungen aus Sicht des Klinikbetreibers entstammen damaligen Artikeln und dem Mailverkehr.

Am 5. Dezember 2020 kam Walter Brummel, der die Marktkauf-Filiale in Friedrichshafen leitet, wegen eines Hörsturzes in die Klinik Tettnang, das war ein Samstag. Er sei bei seiner Aufnahme mittels Schnelltest auf Corona getestet worden, mit dem Ergebnis: negativ, sagt er. Ebenfalls um diese Zeit, nämlich zwei Tage später, wurden an der Klinik die ersten Fälle von infizierten Mitarbeitern bekannt.

Der MCB hatte am Montag, 7. Dezember, darüber informiert, dass das OP-Programm heruntergefahren werde. Auch wurden mehrere stationäre Patienten vorsorglich isoliert und in die häusliche Quarantäne geschickt, weil sie Kontakt mit coronapositiven Mitarbeitern der Klinik gehabt hatten. Damals hieß es in der Mitteilung des MCB, dass die Mitarbeiter sich im privaten Umfeld infiziert hatten.

Wir müssen davon ausgehen, dass es Übertragungen innerhalb der Klinik gegeben hat.

Susann Ganzert, Pressesprecherin Medizin Campus Bodensee, im Dezember 2020

In den weiteren Wochen des Dezembers spitzte sich die Lage an der Klinik Tettnang immer weiter zu. Es kam zum Aufnahmestopp. Bis Ende Dezember 2020 hatten sich mehr als 80 Klinikmitarbeitende sowie zahlreiche Patienten mit dem Virus infiziert. Patienten mit nachgewiesener Corona-Infektion wurden im Lauf der Zeit auf zwei der sechs Stationen versorgt. Eine Station war Corona-„Verdachtsfällen“ vorbehalten. Teils wurden Patienten auch nach Friedrichshafen verlegt, etwa wenn sie beatmet werden mussten.

Brummel beklagt Hygienemängel

Walter Brummel wirft der Klinik Tettnang nun vor, dass das Hygienekonzept Mängel aufgewiesen habe oder nicht korrekt umgesetzt worden sei. Er sagt, das Virus habe sich erst dadurch unter Patienten und Belegschaft ausbreiten können.

Nachdem er sechs Tage nach seiner Aufnahme das positive Ergebnis eines PCR-Tests erhielt, wurde der Marktkauf-Leiter am Donnerstag, 11. Dezember 2020, auf die neue Corona-Station in der Klinik verlegt. Noch am selben Tag verfasste er spätabends aus dem Krankenhauszimmer heraus eine E-Mail, in der er verschiedene Punkte zum Hygienekonzept kritisierte. Im Verteiler der E-Mail, die der Redaktion vorliegt, befinden sich die Klinikleitung, der Betriebsrat sowie Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand, der Chef des Aufsichtsrats der Klinikum Friedrichshafen GmbH ist, zu der auch die Klinik Tettnang gehört.

Walter Brummel zeigt Fotos auf seinem Smartphone, auf dem beispielsweise der Spiegel im Badezimmer zu sehen ist, der mit Schlieren verschmiert ist. Sein Vorwurf lautet, dass die Zimmer nicht richtig gereinigt und desinfiziert worden seien. Auch die Tatsache, dass er nur anfangs in einem Einzelzimmer, danach jedoch noch mit einem weiteren infizierten Patienten auf einem Zimmer untergebracht worden sei, bemängelt er.

Ebenso habe es keine Isolationsschleuse gegeben, sagt der 58-Jährige. Zwar hätten Mediziner und Pflegekräfte bei der Behandlung die komplette Schutzmontur getragen, berichtet er. „Danach haben sie die Schutzkleidung aber mitten im Raum ausgezogen und in einen Mülleimer geworfen, der dort stand“, schildert er seine Beobachtung.

Wenn jemand mal über meine Werte geschaut hätte, hätte man sehen müssen, dass da etwas nicht stimmt,

Walter Brummel

Auf Anfragen der „Schwäbischen Zeitung“ hatte der Medizin Campus Bodensee damals allgemein das Hygienekonzept erläutert. Darin war die Rede von einer Mund-Nasen-Schutz-Maske (MNS-Maske) in allen Räumen. Und: „Im direkten und nahen Patientenkontakt ... müssen FFP-2-Masken oder eine MNS-Maske plus Schutzvisier getragen werden.“ Ebenso war die Rede von einem Lüftungskonzept.

Mit dem Hubschrauber ins Uniklinikum Tübingen

Allerdings räumte MCB-Sprecherin Susann Ganzert bei einer späteren Anfrage im Dezember 2020 auch ein: „Wir müssen davon ausgehen, dass es Übertragungen innerhalb der Klinik gegeben hat.“ Auf die Frage, wie das angesichts der vorher genannten Schutzmaßnahmen passieren konnte, äußerte sie sich inhaltlich nicht. Ihre Aussage damals: Generell gebe es verschiedene „Infektions-Herde“, nicht nur beim Personal, sondern auch bei Patienten. Später hieß es noch, dass das hausinterne Hygieneteam in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt die Kontakte der Erkrankten nachvollziehe.

 Die Klinik Tettnang im Dezember 2020. Ein Schild blockierte damals den Eingang. Der Aufnahmestopp zog sich Wochen. Damals war a
Die Klinik Tettnang im Dezember 2020. Ein Schild blockierte damals den Eingang. Der Aufnahmestopp zog sich Wochen. Damals war auch Walter Brummel in dem Krankenhaus. (Foto: Mark Hildebrandt)

Die Situation hatte auch in der Belegschaft für eine hohe Belastung gesorgt. Der Betrieb habe angesichts erkrankter Mitarbeiter „nur noch durch ein ungeheures Engagement der Pflegenden aufrechterhalten werden“ können, hatte im Januar 2021 rückblickend der damalige MCB-Pflegedirektor Andreas Stübner gesagt. Diese hätten auf freie Tage und Urlaub oder den Abbau ihrer Überstunden verzichtet.

Am 14. Dezember 2020 traten bei Brummel erstmals Symptome der Covid-19-Infektion auf. Innerhalb weniger Tage verschlechterten sich seine Blutwerte rapide, er bekam immer schlechter Luft und hustete stark. Am Dienstag, 22. Dezember, wurde er seinen Aussagen zufolge schließlich auf die Intensivstation verlegt und intubiert.

Ich habe richtig Schwein gehabt, das war wirklich ein schmaler Grat,

Walter Brummel

Trotz seines Zustands sei seine Lunge jedoch zuvor nicht täglich abgehört und auch nicht geröntgt worden, sagt Brummel. „Wenn jemand mal über meine Werte geschaut hätte, hätte man sehen müssen, dass da etwas nicht stimmt“, findet er. Auch das wirft er der Klinik vor und kritisiert, dass die Ärzte ihn schon viel früher hätten verlegen sollen. Auch zu diesem Aspekt äußert sich der MCB mit Verweis aufs laufende Verfahren nicht.

Am Mittwoch, 23. Dezember 2020, sei dann auf Drängen seines Hausarztes und seiner Frau ein CT gemacht worden – danach wurde Walter Brummel umgehend per Hubschrauber ins Universitätsklinikum nach Tübingen geflogen. Dreieinhalb Wochen lang rang er dort mit seinem Leben.

Dass er Covid-19 überlebte, verdankt er der sogenannten Ecmo-Behandlung, bei der das komplette Blut aus dem Körper durch einen Apparat geleitet und mit Sauerstoff angereichert wird. „Ich habe richtig Schwein gehabt, das war wirklich ein schmaler Grat“, sagt er rückblickend.

Warum Walter Brummel nun klagen will

Nachdem er allmählich auf dem Weg der Besserung war und das Ecmo-Verfahren Mitte Januar 2021 schließlich beendet werden konnte, wurde er bis Anfang Februar auf die Intensivstation nach Friedrichshafen verlegt, anschließend folgten ein achtwöchiger Reha-Aufenthalt in Allensbach sowie im August vergangenen Jahres nochmals vier Wochen Lungen-Reha auf Föhr. „Ich musste atmen, sprechen, laufen komplett neu lernen“, so Brummel.

Dass er heute wieder seiner Arbeit als Marktleiter nachgehen könne, das habe er zwischendurch sicher nicht gedacht. Fast genau ein Jahr nach seiner Infektion nimmt er seine Arbeit wieder auf, am 15. Dezember 2021.

Dass er sich nun entschieden hat, vor Gericht zu ziehen und die Klinik zu verklagen, hängt zum einen damit zusammen, dass er eine Entschädigung für das erhalten möchte, was er und seine Familie durchmachen mussten. Denn die Erkrankung sei mit Kosten verbunden – die in der Zukunft vielleicht noch höher würden.

„Keiner weiß, was meine Lunge in drei Jahren macht“, sagt Walter Brummel. Die sei ebenso wie sein Herz und seine Leber weiterhin geschädigt. Ausdauersport könne er nicht mehr machen und auch Narben und ein Kribbeln in Händen und Füßen seien ihm geblieben.

Gericht unterbreitet Vergleichsvorschlag

Zum anderen sei es auch sein Ziel, die Verantwortlichen zu sensibilisieren und im besten Fall eine Veränderung zu bewirken. „Wenn ich nichts mache, wird sich nichts ändern“, begründet Walter Brummel seine Entscheidung, zu klagen. „Ganz so will ich es auf jeden Fall nicht stehen lassen“, ist er entschlossen.

Brummel hatte als Kläger ursprünglich 50 000 Euro Schmerzensgeld gefordert. Bei der Güteverhandlung hat das Gericht den beiden Parteien einen Vergleichsvorschlag unterbreitet, wie Matthias Mages, Pressesprecher des Landgerichts Ravensburg, mitteilt. Im Raum steht laut Walter Brummel derzeit die Summe von 25 000 Euro.

Sollten beide Parteien den Vergleich ausschlagen, wird im nächsten Schritt ein Sachverständiger mit einem Gutachten beauftragt. Auch müsste die Klinik dem Gericht dann ihr Hygienekonzept ausführlich darlegen, damit dieses geprüft werden kann.

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