Von weiblichem Lebensgefühl

Lesedauer: 5 Min
Zum Internationalen Frauentag bringt das Tübinger Saxophonquartett Gleis 4 mit Dorothea Tübinger, Iris Gojowczyk, Andrea Riedel
Zum Internationalen Frauentag bringt das Tübinger Saxophonquartett Gleis 4 mit Dorothea Tübinger, Iris Gojowczyk, Andrea Riedel und Christina Schoch zusammen mit Lisa Kraus als Sprecherin (von links) Werke von Musikerinnen und Dichterinnen in die Stadtbücherei. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Geballte Frauenpower mit dem Tübinger Saxophonquartett Gleis 4 und der Sprecherin Lisa Kraus hat bei der gemeinsamen Veranstaltung von Stadtbücherei und Spectrum Kultur zum Internationalen Frauentag für ein volles Haus gesorgt. Auch einige Männer waren ins Obergeschoss der Bücherei gekommen und konnten hautnah miterleben, welche geistige und emotionale Kraft in Dichterinnen und Musikerinnen steckt.

Großartig auch, wie spontan Frauen organisieren können: Eine für denselben Abend zum Frauentag angesetzte Veranstaltung in St. Gallus über das Leben der Frauen in Porcón/Peru wurde kurzerhand auf den nächsten Abend verlegt und viele der Anwesenden zeigten sich dankbar, dass sie so beides erleben konnten.

„Nichts soll meine Schritte fesseln“ haben Lisa Kraus und die Musikerinnen Dorothea Tübinger (Alt- und Sopransaxophon), Iris Gojowczyk (Altsaxophon), Andrea Riedel (Tenorsaxophon) und Christina Schoch (Baritonsaxophon) ihr Programm zum Frauentag überschrieben. In insgesamt 47 einzelnen Text- und Musikbeiträgen entfaltete sich ein spannendes, nachdenklich und neugierig machendes und zudem unterhaltsames Kaleidoskop weiblichen Schaffens, weiblichen Lebensgefühls und weiblicher Weltsicht.

Ein nicht alltäglicher Genuss

Die Bandbreite reichte vom Hochmittelalter bis in die Gegenwart, sie reichte vom spielerischen Umgang mit Sprache bis zur tiefgehenden Aussage zu Verlust und Tod. Die Sprecherin las die meist kurzen Texte in angenehmer Gestaltung. Ihr zuzuhören, war ein nicht alltäglicher Genuss, da sie ihre Interpretation des gedruckten Textes in die Rezitation einbrachte – ihr Lesestil erinnerte daran, dass erst kürzlich der Büchner-Preisträger Arnold Stadler in Kressbronn von Texten als Partitur sprach.

Während Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) vom „wunderbaren Hauch, der den Menschen erweckte“ und Mechthild von Magdeburg (1207 bis 1282) von der Kraft des Gebets spricht, fordert schon Christine de Pizan, die erste französische Dichterin und Philosophin, die von ihrer Dichtung leben konnte, im 14. Jahrhundert die Frauen auf, sich nicht mit einer dienenden Funktion zu begnügen, sondern selbstbewusst ihre Leistung zu zeigen. In vornehmer Zurückhaltung wurde im Programm darauf verzichtet, Männer vorzuführen, was durchaus angebracht wäre, wenn ein Schiller den Frauen allenfalls „eine gewisse Schreibgeschicklichkeit, die der Kunst nahekommt“ zuerkannte und Komponisten, die sehr wohl das deutlich überragende Talent von Frau oder Schwester erkannt hatten, sie daran hinderten, es an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Felix Mendelssohn Bartholdys Schwester Fanny Hensel war hier ein Paradebeispiel dafür.

Nach jeweils ein bis zwei Texten folgte ein ebenso kurzes Musikstück, das Raum gab, die Texte nachklingen zu lassen, und zugleich Neues erleben ließ. Dankenswerterweise unterbrach kein Zwischenapplaus den wohlüberlegt aufgebauten Spannungsbogen, der von geistlichen Texten und Liedern über die Sehnsucht nach Freiheit – „Fort ins Weite aus dem engen, dumpfen Leben“ – bis zu traumatischen Kriegserlebnissen – „Blut und Tränen tränken rings die Erde“ – und Todesgedanken führte, während die hervorragend vorgetragene Musik in Arrangements für Saxophonquartett einen Bogen vom geistlichen Lied über die Romantik bis zu Jazz und Gipsy schlug.

Alle 47 einzelnen Punkte zu würdigen, ist leider ein Ding der Unmöglichkeit – wer dabei war, durfte ein Merkblatt mit allen Titeln mit nach Hause nehmen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen