Tod und Sterben sind keine Tabuthemen

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 Bianka Mosch (links) dankt Lissy Traub (rechts) für die Fragen beim Dialogvortrag von Antje Claßen (Mitte), der Koordinatorin d
Bianka Mosch (links) dankt Lissy Traub (rechts) für die Fragen beim Dialogvortrag von Antje Claßen (Mitte), der Koordinatorin des Hospizvereins Tettnang. (Foto: gp)

Bereits die Wahl des Ortes für die Veranstaltung des Hospizvereins Tettnang war Programm: Sterben und Tod in die Mitte der Gesellschaft holen. Dafür war die „Anlaufstelle für bürgerschaftliches Engagement“ am Montfortplatz, gleich neben dem Rathaus, bestens gewählt.

Die Tettnanger, die sich am späten Nachmittag eingefunden hatten, erlebten einen an Information dichten und durch die Form des Dialogs sehr lebendigen Vortrag. Lissy Traub stellte die Fragen, die der Normalbürger so zur Thematik Hospiz, Sterben und Tod hat, und Antje Claßen, die Koordinatorin der Einsätze des ambulanten Hospizdienstes Tettnang, antwortete – charmant, fundiert und kompetent. Dass unter den Zuhörern nur zwei Männer waren, ist wohl symptomatisch für die ganze Thematik. „Pflege ist weiblich“, heißt es, und bei den für die Sterbebegleitung Ausgebildeten ist das Geschlechterverhältnis nicht anders. „Dabei ist es gar nicht so, dass Frauen weniger besorgt seien, ob sie das schaffen, aber sie nehmen eher ihre Angst in die Hand, sehen die Notwendigkeiten und packen zu“, führte Claßen aus. Auch für Lissy Traub war das Thema „Sterben und Tod“ zunächst mit Ängsten besetzt, aber „dann war es ein Geschenk, das Sterben der eigenen Mutter miterleben zu dürfen“.

In munterem Frage/Antwort-Spiel wurden die mit dem Thema Hospiz zusammenhängenden Fragenkomplexe abgeschritten. Historisch am Anfang der Hospizbewegung standen zwei Frauen: Cicely Saunders und Elisabeth Kübler-Ross. Gegen heftige Widerstände haben sie in den 70er-Jahren vieles auf den Weg gebracht haben, was heute hoffentlich Allgemeingut ist. Etwa, dass Sterbende eine gut wirksame Schmerztherapie bekommen, oder dass sie mit den von ihnen geäußerten Wünschen und Bedürfnissen ernstzunehmen sind – überhaupt, dass das Sterben eine Zeit ist, die zum Leben gehört und deshalb gestaltet werden kann. Zwar füge hospizliche Sterbebegleitung den letzten Lebenstagen keine Zeit hinzu, aber sie könne ihnen mehr Leben geben. Die noch immer weit verbreitete Verdrängung von Sterben und Tod nehme keine Angst. Die bessere Vorbereitung sei, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen; Anlässe dafür gebe es zu Genüge und Möglichkeiten auch, zum Beispiel bei den Veranstaltungen des Hospizvereins. Der beste Zeitpunkt sei „so früh wie möglich“, weshalb der Hospizverein immer wieder in die Tettnanger Schulen gehe. Erst in den 80er-Jahren habe die Hospizbewegung in Deutschland Fuß gefasst. Heute gebe es in Deutschland 240 stationäre Hospize und mehr als 1500 ambulante Hospizdienste.

Gründung vor 25 Jahren

Natürlich wurde auch konkret über die Arbeit des Tettnanger ambulanten Hospizdienstes informiert. Entstanden vor 25 Jahren als reine ehrenamtliche Bewegung, wurde diese vor neun Jahren in eine Vereinsstruktur integriert, wobei die ehrenamtlichen Sterbebegleiter „das Herzstück der Hospiztätigkeit geblieben sind“, wie Bianka Mosch, stellvertretende Koordinatorin, betonte. Die Koordinatorinnen sind die ersten Ansprechpartner für Angehörige. Sie führen die Erstgespräche, in denen esum den Zustand des Patienten, um Biografisches und den sozialen Hintergrund geht und darum, welche Hilfe gebraucht wird.

Auf diesem Hintergrund wählen die Koordinatoren von den momentan 25 aktiven Ehrenamtlichen aus, bei wem die Chemie am besten zueinander passt. Die Ehrenamtlichen kommen dorthin, wo der zu Begleitende gerade lebt: nach Hause, ins Krankenhaus oder ins Pflegeheim. Sie kommen unentgeltlich zu jedem, für den es gewünscht wird, wenn nötig auch rund um die Uhr. Sie sind in einer aufwendigen Schulungszeit theoretisch und praktisch ausgebildet und zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet.

Um stets genügend passende Ehrenamtliche einsetzen zu können, wird der Hospizverein wohl schon bald einen neuen Ausbildungskurs ausschreiben. Zur Finanzierung der Koordinatoren, zur Aus- und Fortbildung der Ehrenamtlichen bekommt der Verein Zuschüsse von den Krankenkassen. Darüber hinaus ist der Verein auf die Beiträge der Mitglieder (25 Euro/Jahr) und Spenden angewiesen

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