Tettnang erlebt Riesenandrang bei langer Nacht der Museen

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Helmut Voith

Mit dieser riesigen Resonanz bei der „Langen Nacht der Museen“ des ORF hat in Tettnang keiner gerechnet. „Bis zehn Uhr war die Hölle los“, hieß es im Elektronikmuseum, bis weit nach elf liefen hier noch Führungen, ebenso wie im Hopfengut No 20, und um halb eins gab’s im Schloss die letzte Führung samt Harfenspiel. Auch von Vorarlberg sind ungewöhnlich viele Besucher herübergekommen.

Der Kultur-Interessierte hatte in Tettnang eine Galerie und vier Museen zur Auswahl, darunter Spezialmuseen, die Besucher von weither anlocken. So das Elektronikmuseum Tettnang, das die rasante Entwicklung bis in die Gegenwart zeigt.

Wie das alles funktioniert, ist für die meisten ein Buch mit sieben Siegeln. Also hieß die Parole „Learning bei doing“, selbst aktiv werden. Dicht gedrängt sitzen überwiegend Buben, aber auch Mädchen an einem langen Tisch und löten, bestens betreut von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Je nach Geschick hat jeder in einer halben bis einer guten Stunde einen Taschenrechner zusammengebaut. Auch ein Reparaturservice und Sonderführungen werden gerne angenommen. Von den Ehrenamtlichen Reiner Specker und Richard Kurz kam übrigens die Idee, sich der ORF-Museumsnacht anzuschließen.

Gleich nebenan wartet das Stadtmuseum. Einen Dreispitz auf dem Kopf, Karbidlampe in der einen und Zeigestab in der anderen Hand, führt Archivar und Museumsleiter Florian Schneider die Besucher als Nachtwächter durch das Museum. Gespannt lauschen sie den Erläuterungen zum Richtschwert, während ganz in der Nähe hinter einer Tür das Schlossgespenst in wehenden Tüchern lauert. Interesse findet auch die Sonderausstellung zur historischen Bahnlinie, an die das alljährliche Bähnlesfest erinnert.

Hohe Zahl an Vorarlberger Gästen

Wer mehr über Hopfen erfahren will, fährt hinauf zum Hopfenmuseum, heute Hopfengut No 20. Während Hopfenpflanzer und Biersommelier Lukas Locher zur riesigen Pflückmaschine führt und seine Schwester Charlotte Müller am Zapfhahn steht, führt Vollblutlaienspieler Stefan Arnegger in einer kurzen Impro-Szene mit der „Hopfenbrocker-Anfängerin Laura“ in die Zeit der Handernte mit Ästlesbrocker und Hopfensau zurück.

Dann geht’s wieder hinab ins Städtle, in die ehemalige Residenzstadt. Bis 1789 war Tettnang die Residenz der Montforter. Viel Geld hat es sie gekostet, das Schloss nach dem Brand von 1753 wiederaufzubauen. Bedeutende Künstler wie Angelika Kauffmann, Josef Anton Feuchtmayer und Andreas Brugger haben hier mitgewirkt, Musik wurde hochgehalten. Sabine Häusler und Samina Nowarra begrüßen daher die Führungen an diesem Abend im Bacchussaal mit zarter Harfenmusik und spielen wieder auf, wenn sie weitergehen. Auch hier folgen Führung auf Führung. „Eine tolle Möglichkeit, überregional auf das Schloss aufmerksam zu machen“, sagt Joachim Moll von den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg.

Auch er freut sich über die unerwartet hohe Anzahl von Vorarlbergern, die an diesem Abend nach Tettnang geströmt sind. Auf der Treppe werden die Besucher charmant begrüßt von Susanne Klein im reizenden Rokoko-Kostüm der Montfortzeit. Seit 20 Jahren schlüpft sie mit nicht nachlassender Begeisterung ins Kostüm und geleitet Besucher bei Spezialführungen als Zofe durch die Schauräume und beleuchtet aus deren Sicht das Leben der bewunderten Adligen – der Promis aus früheren Zeiten.

Sorgfältig tragen Kinder in einem Nebenraum Lack auf einen Gipsrohling und warten, bis sie etwa nach 20 Minuten das hauchdünne Blattgold auf ihren Engel auftragen dürfen. Henriette Frombad, auch als Schlossführerin tätig, gibt genaue Anweisungen, damit das schwierige Werk gelingt. Auch wenn im Augenblick nur Mädchen zugegen sind: „Die ersten beiden waren Jungen“, sagt sie lächelnd.

Auch die Städtische Galerie im Schlosspark im alten Forstamtsgebäude empfängt Besucher. Hier läuft die Sonderausstellung „Bin im Garten“, und während Harfenschüler der Musikschule aufspielen, gibt es Gelegenheit, mit dem Tettnanger Künstler Detlef Fellrath Kunstgespräche zu führen.

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