Sozialunternehmerin stellt neues Buch vor

Lesedauer: 6 Min
 Sina Trinkwalder und Anna Rahm in der Tettnanger Stadtbücherei.
Sina Trinkwalder und Anna Rahm in der Tettnanger Stadtbücherei. (Foto: anrö)
Annette Rösler

Im Erdgeschoss der Tettnanger Stadtbücherei ist es am Dienstag ganz schön eng zugegangen. Viele Gäste von überall her waren gekommen, um der Unternehmerin, Bestsellerautorin und Trägerin von zahlreichen Auszeichnungen und Preisen, Sina Trinkwalder, zuzuhören. Angeregt hatte die Lesung Anna Rahm, die „mit Büchern unterwegs ist“, in Ravensburg einen Buchladen besitzt und zum Schluss die von Sina Trinkwalder signierten Werke verkaufte. Mit dem Publikum per Du, schlagfertig, fröhlich, ernst und auch in mehreren Dialekten zu Hause, zog Trinkwalder die Zuhörer jeden Alters schnell in ihren Bann.

In zahlreichen Talkshows war sie schon zu sehen, zuletzt am Montagabend in „Hart aber fair“, unter anderem mit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und Oskar Lafontaine. Die 41-jährige Sina Trinkwalder, die, wie sie sagte, nur ihren Eltern zuliebe Politik und Betriebswirtschaft in München studiert und das Studium dann „erfolgreich abgebrochen hat,“ war damals auf der Suche nach einer Tätigkeit, die ihren Fähigkeiten entsprach und Spaß machte. Gemeinsam mit ihrem damaligen Mann gründete sie mit 21 Jahren eine eigene Werbeagentur, mit der sie auch finanziell sehr erfolgreich war.

Dann war sie da: die Frage nach dem Sinn

Mit der Geburt ihres Sohnes habe jedoch eine Veränderung stattgefunden und sie habe sich die Sinnfrage gestellt. Macht Konsum glücklich? Ist die Karriereleiter nicht eher ein Hamsterrad? Auf einer dienstlichen Zugreise, bei der Sina Trinkwalder mit reichlich Lesestoff in Form von Hochglanzzeitschriften unterwegs war, sah sie beim Umsteigen einen ungepflegten, älteren Mann, der die gelesenen Zeitschriften mitnahm und in der Unterführung verschwand. Als er auf der anderen Seite wiederauftauchte, rief Sina Trinkwalder ihm nach, er könne den Rest auch noch haben. Der Mann versprach, gleich wiederzukommen. Allerdings dauerte das so lange, dass sie den Anschlusszug verpasste. Innerlich kochend vor Wut, war sie patzig zu ihm, als er endlich auftauchte. „Sie fragen sich, was ich mit den Zeitschriften mache, sagte der Mann. Eigentlich nichts. Aber meine Frau und ich machen aus der ersten glänzenden Seite Weihnachtsschmuck. Wir sind obdachlos.“ „Ich habe mich als A**** gefühlt und für meine Art, ihn spüren zu lassen, was er für ein Loser ist, geschämt“, sagte Sina Trinkwalder.

Zurück im Zug traf sie auf einen Mann in einem scheußlichen Anzug, der sie fragte: „Herrgott, was isch mit Ihne los?“ Trinkwalder erzählte ihm von ihrer Karriere und ihrem Erfolg, doch es kam keine Anerkennung: „Sie erzählen mir den größten Scheißdreck, den ich je gehört habe. Man muss etwas tun, was der Gesellschaft etwas bringt.“ Dieser Moment sei das Ende ihrer Werbeagentur gewesen, sagte Trinkwalder.

2010 gründete sie das ökosoziale Textilunternehmen „manomama“, für das sie mehrere Auszeichnungen erhalten hat. Um ein nachhaltiges Unternehmen zu gründen, müsse man auf sein Bauchgefühl hören, Respekt, aber keine Angst haben, „den Arsch hochkriegen“ und das Kollektiv von Menschen lieben. Sina Trinkwalder beschäftigt 150 Mitarbeiter, vorwiegend mit schwierigen Lebensläufen und geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Es wird Oberbekleidung, Unterwäsche und vieles mehr hergestellt. Wer von den Mitarbeitern im Unternehmen dauerhaft besonders sozial handelt, wird bei der Überschussverteilung belohnt. Ein Versuch mit dem bedingungslosen Grundeinkommen in ihrem Unternehmen ist fehlgeschlagen. Alle Mitarbeiter seien zwar weiterhin zur Arbeit erschienen, aber hätten aufgehört, sich gegenseitig zu helfen. Da die Menschen soziale Wesen sind, müssten in Zukunft wieder Werte, die der Gemeinschaft dienen, gepflegt werden. Eine Gesellschaft, bei der man in einer Bar beim Kennen lernen als erste Frage „Was arbeitest du?“ stelle, sei eine traurige. Wer nichts zu seinen Leistungen zu erzählen hat, gilt auch nichts.

Notwendig sei es, der Jugend wieder beizubringen, wie wichtig es ist, wählen zu gehen. In manchen Ländern gehen junge Menschen für das Wahlrecht auf die Straße, unsere Jugend ist zu einem großen Teil nicht mehr interessiert, sagte Trinkwalder. Die Digitalisierung sieht Sina Trinkwalder eher als Komfort. So kann die Arbeitszeit gesenkt und erfüllende Aktivitäten für die Gemeinschaft können übernommen werden, und so werden neue Branchen und Berufsbilder entstehen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen