Silvesterbotschaft: Liebe ist das Beste, was Menschen passieren kann

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Trotz der derzeit notwendigen körperlichen Distanz zwischen Menschen muss trotzdem noch Raum für Barmherzigkeit und Liebe sein.
Trotz der derzeit notwendigen körperlichen Distanz zwischen Menschen muss trotzdem noch Raum für Barmherzigkeit und Liebe sein. (Foto: symbol colourbox)
Pfarrerin Martina Kleinknecht-Wagner

Das neue Jahr beginnt, wie das alte aufgehört hat, mit zwei Zahlen des RKI: Die gemeldete Anzahl der Neuinfektionen in den letzten 24 Stunden und die Zahl derer, die in dieser Zeit an und mit Corona gestorben sind. Diese Zahlen ziehen weite Kreise, werden herangezogen, wenn Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie diskutiert und verabschiedet werden.

Streit entzündet sich. Was ist angemessen? Was ist dringend geboten? Was ist überflüssig? Immer wieder Entscheidungen. Reduzierte Kontakte nagen bei vielen am Gemüt. Der Blick ist fixiert auf das, was alles nicht geht. Bei anderen hat Covid-19 Spuren hinterlassen: Wie anstrengend kann der Alltag werden, selbst wenn die Krankheit überstanden ist. Und auch das: ein Abschied, der zu früh gekommen ist. Was keiner will: Nicht jetzt, vor allem nicht so: eine einsame flache Linie auf dem Monitor einer Intensivstation.

Schließlich der Ärger über die, die das alles lautstark für Fake News halten. Der Ton wird rauer, die Sprache roher und das „ich zuerst“ lauter. Wo Menschen herabgewürdigt und beleidigt werden, wird die Bereitschaft zur Gewalt immer größer. Eigentlich könnte man stolz darauf sein, wenn Bürger eines Landes auf die Straße gehen, um für politische Freiheit ihre Stimme zu erheben. Doch was derzeit geschieht, macht mir Sorge.

Wer Entscheidungen unabhängiger Gerichte verhöhnt oder öffentlich-rechtliche Medien als „Lügenpresse“ denunziert, hat sich als kompetenter Gesprächspartner in Sachen Demokratie bereits diskreditiert. Die von ihnen viel gerühmte Meinungsfreiheit wird missverstanden, als ob es nur um das ginge, was ich selbst zu sagen habe. Nein es geht in erster Linie um die Freiheit der Andersdenkenden! Erst wer bereit ist auch für sie eine Lanze zu brechen hat Art. 5 Abs. 1 GG verstanden. Ganz abgesehen davon, dass das Recht auf Meinungsäußerung nicht den Schutz davor einschließt, für seine Meinung auch kritisiert zu werden.

Die Lügen halten Hof als alternative Fakten, und soziale Medien werden immer mehr zu Echoräumen der eigenen Vorurteile der Entladung von Hass und der Steigerung von Aggressivität. Dass Demokratie eben nicht mehr selbstverständlich, sondern gefährdet ist, das fordert zu ihrer aktiven Verteidigung heraus. Im neuen Jahr wird es darum gehen, Lösungswege zu finden, in denen die Auslöser für die aktuelle Entwicklung stecken. Darüber gemeinsam zu streiten und gemeinsam zu ringen und entsprechend zu handeln! Das ist der Weg.

Es ist allerhöchste Zeit für eine andere Kultur des Miteinanders. Die christlichen Kirchen formulieren das Motto für das Jahr 2021 so: „Jesus Christus spricht: ,Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.’“ Dieses Wort ist aktuell und fordert auf, Gegenakzente zu setzen. Und dazu kann jeder seinen Beitrag leisten. Es beginnt damit, dass wir im Bild von Gott seine Barmherzigkeit stark machen und uns selbst von ihr prägen lassen. Es geht weiter, wenn ich den anderen ansehe wie einen Menschen, der dasselbe Recht auf Leben hat wie ich. Und es braucht, dass ich den Mund für die Stummen öffne und meine Haltung an Gottes Barmherzigkeit messe.

Wie wäre es, mir die Worte der Jahreslosung als Erinnerung an meine Pinnwand zu hängen, auf die ich oft schaue, und mich immer wieder erinnern zu lassen: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Und mich dann ein Jahr lang einzuüben in diese Haltung der Barmherzigkeit und der Liebe. Ich kann mich fragen: Mit welchen Augen nehme ich mein Gegenüber wahr? Wodurch ist mein eigenes Herz verhärtet, wie wird es wieder gütig und warm, wie kann ich gegen Unbarmherzigkeit eintreten und sie unterlaufen? Widerspreche ich deutlich genug, wenn in Chats, an Schulen, Stammtischen und auf Straßen über andere hergezogen wird oder sie beleidigt werden? Bin ich aufmerksam für andere Menschen und ihre Situation? Wie kann ich mich engagieren, damit in unserer Welt die Barmherzigkeit einen größeren Rahmen bekommt und institutionell verankert wird?

Die chilenische Dichterin Gabriela Mistral schreibt in einem ihrer Gedichte „Wenn du mich anblickst, werd’ ich schön, schön wie das Riedgras unterm Tau ...“ Und sie hat recht. Es ist die Liebe, die uns schön macht. Es ist die Liebe und die gegenseitige Wertschätzung, die uns zu Menschen macht. Die Liebe macht uns schön, und wir dürfen uns in dieser Liebe schön finden. Liebenswert. Weil schon geliebt. Durch uns strahlt sie aus in die Welt. Die Liebe ist mit Abstand das Beste, was einem Menschen passieren kann. Vielleicht könnte das eine Perspektive sein, dass wir uns in diesem Jahr üben im Blick der Liebe, dass wir unser Herz hüten, empfindsam halten und so die Welt um uns herum wahrnehmen und gestalten.

Ich wünsche Ihnen allen ein an Liebe reiches und inspirierendes Jahr 2021.

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