Schwäbisch als geistige Heimat

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 Guntram Deichsel aus Biberach stellt in seinem Bildvortrag einige Aspekte zum Begriff „Heimat“ vor.
Guntram Deichsel aus Biberach stellt in seinem Bildvortrag einige Aspekte zum Begriff „Heimat“ vor. (Foto: Annette Rösler)
Annette Rösler

Ein rasanter Ritt über die Wege des Schwäbischen Dialekts hat am Mittwochabend eine beachtliche Anzahl von Interessierten im Rahmen der Heimattage Argental in die Aula des Montfort-Gymnasiums gelockt. Dr. Guntram Deichsel aus Biberach stellte in seinem Bildvortrag „Schwäbisch und Seealemannisch als geistige Heimat“ einige Facetten zum Begriff „Heimat“ vor.

Deichsel stammt aus Stuttgart, ist Mathematiker und Physiker, und war beruflich in der medizinischen Forschung tätig. Da er, wie er selbst sagte, das „Verfallsdatum längst überschritten habe“, reise er durch unser Ländle, halte Vorträge über die Schwaben und biete auch Seminare zum Thema an. Am Dialekt kann man die regionale, soziale und sogar die konfessionelle Herkunft des Sprechenden erkennen, sagte Guntram Deichsel. So sei der Schwabe, wenn er sich auch noch so sehr bemühe, in der Öffentlichkeit seine Herkunft zu verschleiern, immer zu erkennen, sei es nur an einem kleinen „das isch“. Dialekte seien stark verknüpft mit Regionen und Heimatgefühl. Sie schafften Nähe und Verbundenheit zwischen den Menschen und Gefühle könnten stärker ausgedrückt werden, als in der sachlichen Schriftsprache. Eindrucksvoll bewies Guntram Deichsel dies mit einer Übersetzung des berührenden Liedes „Ode to Billy Joe“ von Bobbie Gentry aus dem Jahr 1967 ins Schwäbische, das er „Ode fir dr’ Horschd“ nannte.

Guntram Deichsel erläuterte anhand von Bildbeispielen auf unterhaltsame Weise die historische Entwicklung schwäbischer und alemannischer Dialekte vom 4. bis zum 19. Jahrhundert. Damals erlassene Gesetze, wie die Erbteilung, habe die Schwaben zur Sparsamkeit gezwungen. Die Einhaltung der Schulpflicht in Württemberg wurde gewissenhaft kontrolliert und bei Zuwiderhandlungen bestraft und auch „einfache Leute“ mussten „Bildungsgüter“ in Form von Büchern besitzen, welche teuer waren.

1492 hat Kolumbus Amerika entdeckt und Graf Eberhardt habe die schwäbische Kehrwoche erfunden. Baden und Baden-Württemberg hätten aus 600 politischen kleinstaatlichen Streuseln bestanden, doch ab 1806 gab es dank Napoleon nur noch das Großherzogtum Baden und das Königreich Baden-Württemberg mit der Ausnahme der Hohenzollernschen Gebiete. Diese waren preußisch, was den Bewohnern nicht besonders gefiel.

Zwei Drittel des schwäbischen und alemannischen Wortschatzes seien mittelhochdeutschen Ursprungs, wie zum Beispiel „Grend“ für Kopf mit Bezug zu Grindelwald und Hornisgrinde. Mittelhochdeutsch war zur Zeit der Stauferkaiser höfische Sprache, was bedeutete, dass es „Weltsprache“ war, denn das Stauferreich habe sich bis nach Sizilien ausgedehnt, sagte Guntram Deichsel. Im Gegensatz zum Alemannischen wimmelt es im Schwäbischen von Diphtongen und Nasallauten und Verkleinerungsformen werden dekliniert.

Aufschlussreich entpuppte sich die schwäbische Bedeutung von „Heirat“. Heirat stammt von „h’keia“, werfen“, und bedeutet das „Hinwerfen“ der Braut zu einem gewissen Zweck. „Allawil, dollohrig, firchtig“, „immer, schwerhörig, schwer von Begriff, fürchterlich“ stammen aus dem Bodenseealemannischen, welches laut Guntram Deichsel leider nur noch in Dörfern gesprochen werde und langsam aussterbe.

Das Grundproblem der Schwaben sei, sich rechtfertigen zu müssen. Bis zum Mittelalter hätten sie großes Ansehen genossen, doch seit der Geschichte von den Sieben Schwaben nehme man sie mit ihrer Sparsamkeit, dem „Häusle baue“, der Kehrwoche und vielem anderen auf die Schippe.

Auch mit dem Thema „Seegfrörnen“ am Bodensee in den letzten Jahrhunderten hatte sich Guntram Deichsel befasst. Die erste gab es 1076 und die letzte im Jahr 1963. Man konnte den komplett zugefrorenen Bodensee zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Auto überqueren. „Das wird es in diesem Jahrhundert durch Klimawandel und Umwelteinflüsse sicherlich nicht mehr geben“, sagte Deichsel.

Schwäbisch sprechen macht schlau

Zum Abschluss seines Vortrags sagte er: „Dialekt ist wie eine Tätowierung und eine Heimat, die bleibt. Schwäbisch ist authentisch und ein Schatz, der bewahrt werden muss. Da es im Schwäbischen für eine Sache unzählige verschiedene Worte gibt, werden die Synapsen im Gehirn angeregt und man bekommt im Alter erwiesenermaßen sehr viel später Alzheimer. Deshalb sprechen Sie Schwäbisch!“ Die Zuhörer dankten mit einem Riesenapplaus.

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