Richter sauer, kein Ergebnis: Zeugen ziehen beim Drogen-Prozess ihre Aussagen zurück

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70 Kilogram Marihuana soll der Angeklagte erworben haben.
70 Kilogram Marihuana soll der Angeklagte erworben haben. (Foto: dpa/Daniel Karmann)

Zäh - mit diesem Wort lässt sich die Verhandlung vor dem Tettnanger Amtsgericht gegen einen 22-Jährigen wohl am besten zusammenfassen. Für Richter Martin Hussels war der junge Mann kein Unbekannter: Bereits mehrfach saß er wegen Drogendelikten auf der Anklagebank – so auch dieses Mal. 70 Mal soll er unter anderem ein Kilo Marihuana erworben und teils weiterverkauft haben. Am Mittwoch wurde die Verhandlung nach mehr als acht Stunden vertagt, nachdem Zeugen ihre Aussagen bei der Polizei wieder zurückgezogen hatten.

„Wir sehen uns hier heute ja zum dritten oder vierten Mal“, begrüßte Richter Hussels den 22-Jährigen, der aufgrund einer aktuellen Haftstrafe in Fußfesseln in den Gerichtssaal geführt wurde. Ungewöhnlich voll präsentierte sich der Zuschauerraum – hier hatten eine Reihe von Bekannten sowie die Ehefrau des Angeklagten Platz mitgenommen. In insgesamt 148 Fällen ist der 22-Jährige angeklagt – überwiegend wegen unerlaubtem Handel mit Betäubungsmitteln, aber auch, weil er eine seinerzeit 15-Jährige zum Handel mit Drogen angestiftet haben soll. Vor allem die Mengen sind ungewöhnlich – so soll er insgesamt rund 70 Kilogramm Marihuana erworben haben, hinzukommen Kokain und Amphetamine.

Zeugen widerrufen ihre Aussagen

Doch übrig blieb nach der Verhandlung am Mittwoch nicht viel, nachdem zwei Zeugen, die zuvor mehrere Male ausführlich bei der Polizei Angaben zur Drogenszene im Bodenseekreis und dabei auch insbesondere zum Angeklagten gemacht hatten, ihre Aussagen widerriefen. Richter Martin Hussels platzte der Geduldsfaden: „Ich werde hier gleich so was von unangenehm, dass glauben Sie gar nicht“, sagte er mit Blick auf die seitenlange Vernehmungsprotokolle des jungen Häflers bei der Polizei. Dieser war sogar mit Polizeibeamten zu angeblichen Dealern nach Markdorf, Salem und weiteren Orten im Bodenseekreis gefahren, um deutlich zu machen, wohin er den Angeklagten zur Drogenbeschaffung gefahren haben will. Doch der junge Zeuge blieb dabei: „Meine Angaben bei der Polizei sind nicht wahrheitsgemäß.“

Zeugen unter Druck?

Ähnlich war auch der Tenor seiner Freundin: „Ich kann dazu nichts sagen – das stimmt nicht, was ich bei der Polizei gesagt habe“, wiederholte sie mehrfach, bevor auch hier der Richter deutliche Worte fand: „Haben Sie eine Zahnbürste dabei? Ich stecke Sie direkt in Beugehaft.“ Der Grund für seinen Ärger: Auch die junge Frau war mehrfach bei der Polizei gewesen und hatte dort beim zweiten Mal auf Nachfrage des verhörenden Polizeibeamten, der ihre Aussagen schon da unglaubwürdig fand, betont, dass sie bei ihrer Aussage bliebe. Erst vergangenen Montag – also rund ein Dreivierteljahr später – meldete sich die Zeugin bei der Polizei und widerrief ihre Angaben.

Auch die Polizeibeamten von damals konnten im Zeugenstand kein Licht ins Dunkeln bringen – vor allem die Aussagen der jungen Frau seien schon auf dem Polizeirevier schon nicht schlüssig gewesen, schilderte der Beamte Richter Hussels und seinen beiden Schöffen. Die Motive dafür blieben bis zum Ende der Verhandlung unklar, denn beide Zeugen – auch gegen sie laufen Verfahren wegen ihrer Verstrickungen in die Drogenszene – stritten auf Nachfrage des Richters zwar eine konkrete Bedrohung ab, berichteten jedoch, dass sie „Druck von anderen Leuten bekommen“ hätten. Nach mehreren Unterbrechungen und einer nichtöffentlichen Vernehmung der jungen Zeugin, die der Angeklagte angeblich als Dealer eingespannt hatte, war klar: Die Zeugen werden entlassen.

Einstellung oder Fortsetzung

„Es gibt nach der Handyauswertung keinerlei Kontakte zu anderen Dealern meines Mandanten, es gibt nirgendwo eine Schuldenliste, es gibt keine finanziellen Nachweise, dass mein Mandant mit Drogen gehandelt hat, es gibt keine Hinweise, dass er 70 Kilogramm nach Friedrichshafen vertickt hat“, fasste der Verteidiger, Rechtsanwalt Gerd Prokop, schließlich zusammen. Und das Gericht sah die Situation ähnlich, weshalb Richter Hussels die Einstellung des Verfahrens vorschlug. Dazu konnte sich der Staatsanwalt im Gerichtssaal aber nicht durchringen – und so wurde vereinbart, das Verfahren entweder einzustellen oder am 18. Februar fortzusetzen.

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