Pandorga heißt Drache: Heide und Nelson Kirst kümmern sich in Brasilien um autistische Kinder

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Die beiden Häuser sind mitsamt den Betreuerinnen zur zweiten Heimat für die Kinder und Jugendlichen geworden.
Die beiden Häuser sind mitsamt den Betreuerinnen zur zweiten Heimat für die Kinder und Jugendlichen geworden. (Foto: pandorga)

Ein einzelner Mensch kann Berge versetzen und die Welt verändern. Heide Kirst hat das gemacht. 24 Jahre ist es jetzt her, dass sie das Projekt Pandorga ins Leben gerufen hat. Und für viele Familien mit autistischen Kindern würde das Leben anders aussehen, wenn es sie nicht gäbe.

„Pandorga“ ist das portugiesische Wort für „Drache“. Damit ist ein Flugdrache gemeint, sagen Elisabeth Wessbecher und Irmgard Junginger. Sie sind Teil des Sternsingerteams, das in Tettnang die Zusammenarbeit mit Heide und ihrem Ehemann Nelson Kirst koordiniert. Autismus kommt in sehr vielen Formen und Ausgestaltungen vor. Doch immer gilt, dass die Kinder und Jugendlichen Freiheit brauchen, aber eben auch eine Sicherheit, jemanden, der für sie da ist.

Für Heide Kirst war das wie bei einem Drachen, der schillernd am Himmel steht, aber immer eine Verbindung zum Boden hat, damit er nicht fortgeweht wird oder sich in einem Baum verfängt. Pandorga eben.

Zwischen drei und 30 Jahren sind die rund 40 Kinder und Jugendlichen alt, die die beiden Häuser in Sao Leopoldo besuchen. Die Stadt im Süden Brasiliens hat mit rund 215 000 Einwohner so viele Einwohner wie der Bodenseekreis, aber mit 102 Quadratkilometern nur rund ein Sechstel der Fläche. In diesem Ballungsraum musste Heide Kirst erst dicke Bretter bohren. „Damals hatten unsere Ärzte noch nicht die notwendige Kenntnis“, erinnert sie sich in einem Bericht an die Anfänge. Autisten waren in Heimen für geistig Behinderte untergebracht. Fachleute vor Ort seien gar davon überzeugt gewesen, dass es keine Autisten gebe.

Für Heide Kirst, die in Genf mit Autisten gearbeitet hatte, war das Grund genug, etwas zu unternehmen. Aus den Anfängen im eigenen Haus ist eine Institution entstanden. Für drei Betroffene ist eine Betreuerin da. Kirst: „Jeder Autist ist anders und muss individuell versorgt werden.“ Und das wochentäglich: Denn Autisten benötigen klare Routinen. Abweichungen führen zu Unruhe.

Zum Autismus kommen immer wieder auch andere Behinderungen wie Erblindungen oder Gehörlosigkeit. Die Pandorga ist vor allem für die schweren Fälle da. Kirst: „Keines unserer 40 Kinder spricht ein Wort, aber da die meisten seit Jahren in der Pandorga sind, haben wir normalerweise keine Schwierigkeiten, sie zu verstehen.“ Junge Autisten, die Chancen haben, ein normales Leben zu führen, gehen in den Kindergarten oder zur Schule. Und Heide Kirsts Ehemann Nelson schult Lehrer im Umgang mit Betroffenen.

Die meisten Kinder der Pandorga kommen aus ärmlichen Verhältnissen. Auch ihren Familien kommt das Projekt zugute. Zum einen unternehmen Betreuer viel mit den Kindern, zum anderen gibt es auch für die Familien Ausflüge, die teils von Firmen wie SAP gesponsert werden. Außerdem haben Mütter und Väter die Möglichkeit, in den Pandorga-Stunden ihrer Kinder arbeiten zu gehen.

Hinzu kommt auch Lebenshilfe: Etwa 80 Euro kostet die Untersuchung durch einen Neurologen, erläutert Elisabeth Wessbecher das an einem Beispiel. Die Pandorga springt bei Härtefällen ein und ermöglicht dank Spendengeldern einen für die Betroffenen sonst unbezahlbaren Arztbesuch. Das Durchschnittseinkommen lag in Brasilien laut Weltbank im Jahr 2017 bei rund 7800 Euro brutto jährlich, das sind 650 Euro im Monat. Die armen Familien liegen noch weit darunter. Ein Besuch beim Spezialisten wäre sonst ein Ding der Unmöglichkeit.

Eine zentrale Grundidee von Heide Kirst, dieser „sehr gefühlvollen und warmherzigen Frau“ (wie Irmgard Junginger sie beschreibt), ist sehr einfach wie klar: Jeder Mensch braucht einen Freund. Hinzu kommt der tiefe Glaube von Heide Kirst. In einigen Berichten schildert sie, wie durch Fügung Menschen zur Pandorga gefunden haben, fragt: „Hat unser Herrgott manchmal nicht ganz ungewöhnliche Wege, Dinge zu organisieren?“

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