Ohje: „Der Mensch ist ein Provisorium“

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Genüsslich rezitiert Achim Amme beim Ringelnatz-Abend Texte des Satiriker
Genüsslich rezitiert Achim Amme beim Ringelnatz-Abend Texte des Satiriker (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Überaus zufrieden hat Cosima Kehle im Namen von Stadtbücherei und Spectrum Kultur die vielen Zuhörer begrüßt, die zum Ringelnatz-Abend ins Obergeschoss der Bücherei gekommen sind. Was zeigt mehr den Bedarf für solche Veranstaltungen in Tettnang als der voll besetzte Raum. Natürlich hat fast jeder schon von Joachim Ringelnatz (1883-1934) gehört und vielleicht einige satirische Zeilen im Gedächtnis, aber so ein Andrang an einem Samstagabend spricht Bände.

Mit ihrem Ringelnatz-Programm sind der Schauspieler Achim Amme, und der ihn begleitende Musiker Ulrich Kodjo Wendt aus Hamburg auf ihrer kleinen Deutschlandtournee jetzt im Süden, in Tettnang, angekommen. Vor einigen Jahren hatten die jungen Münchner Schauspielerinnen Julia Heinze und Sara Sommerfeldt mit Musikern im Kiesel im k42 in Friedrichshafen den Dichter vorgestellt: einen skurrilen, spaßigen Menschen, der die anderen mit seinen Gedichten zum Lachen und vielleicht auch mal zum Nachdenken bringt. Der Ringelnatz-Preisträger Achim Amme präsentiert in Tettnang einen anderen Ringelnatz, ungeschminkt, direkt. Er zeigt, dass hinter dem Kabarettisten, der für die prominente politisch-satirische Wochenschrift Simplicissimus schrieb und als Hausdichter im Münchner Künstlerlokal „Simpl“ allabendlich seine Verse vortrug, ein Mensch stand, der sich mit existenziellen Problemen herumschlagen musste, die andere zum Scheitern brachten.

Achim Amme baut den Abend chronologisch auf. Am Lesetischchen sitzend rezitiert er Gedichte, spricht Überleitungen. Wenn er zur Gitarre greift und singt, von Ulrich Kodjo Wendt am Akkordeon begleitet, dann sind es eigene Texte. Wir erleben den noch jungen Ringelnatz, damals noch Hans Bötticher, der mit Tieren seine abstoßend quälenden Spiele macht. Wir erfahren, warum er 14-jährig vom Königlich-Sächsischen Gymnasium in Leipzig fliegt, in eine Erziehungsanstalt strafversetzt wird und mit 18 zur See fährt, als Matrose die Welt kennenlernt.

„Die Welt ist in schönste Unordnung geraten“, schreibt er in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Es war der Tanz auf dem Vulkan. Bekannte Texte wie der von der Briefmarke oder von der Schnupftabakdose Friedrichs des Großen lockern den Vortrag auf, dann wird es wieder philosophisch: „Der Mensch ist ein Provisorium.“

Mit sprechender Gestik und Mimik hat der Schauspieler gerade das herübergebracht, was zwischen den Zeilen steht – man durfte hier den echten Ringelnatz erleben. (sz)

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