Nicht der Tod macht Angst, sondern das Sterben

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 Pflegende Angehörige sprechen mit Rolf Arnold, Hausarzt im Ruhestand, über das Thema Pallativmedizin.
Pflegende Angehörige sprechen mit Rolf Arnold, Hausarzt im Ruhestand, über das Thema Pallativmedizin. (Foto: Annette Rösler)
Annette Rösler

Eine große Gruppe mit pflegenden Angehörigen hat sich am Montagnachmittag im Gemeindezentrum St. Gallus getroffen, um über palliative Therapie bei Menschen zu sprechen, die dem Tode krankheits- oder altersbedingt nahe sind. „Palliativmedizin ist die aktive, ganzheitliche Behandlung von Patienten mit einer fortschreitenden Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung“, heißt es in der Definition der Weltgesundheitsorganisation und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin.

Bei Patienten mit starken Schmerzen können mit entsprechenden Medikamenten die Symptome gelindert und dadurch kann eine Verbesserung der Lebensqualität erzielt werden, was auch für die Angehörigen des Sterbenden eine große Erleichterung ist. Nicht der Tod mache den Menschen Angst, sondern das Sterben, sagte zu Beginn Michael Hagelstein, der Diakon der Kirchengemeinde St. Gallus.

Als Gast hatte man den Palliativarzt und Hausarzt im Ruhestand, Rolf Arnold, eingeladen. Dieser lobte zu Beginn die große Leistung der pflegenden Angehörigen, von denen viele über 70 Jahre alt seien. Eine große Anzahl sei am Limit ihrer Kräfte durch zahlreiche Sonderwünsche der zu Pflegenden. Burn out, Schlaf- und psychische Störungen seien das Ergebnis. Deshalb habe ein Hausarzt die Verantwortung, das Gleichgewicht herzustellen und dem Pflegenden professionelle Hilfe, wie etwa von der kirchlichen Sozialstation oder einem privaten Pflegedienst, zu empfehlen, sagte Arnold. Auch die zu Pflegenden müssten mit sanftem Druck daran erinnert werden, dass die Kräfte der Pflegeperson im eigenen Interesse zu schonen sind.

Patient kommt oft zu kurz

Eine Teilnehmerin warf ein, sie habe es mit einem Pflegedienst versucht, aber keine Hilfe bekommen. Michael Hagelstein bestätigte, dass es auch in Tettnang Engpässe in der Pflege gebe. „Der Pflegenotstand ist auch hier angekommen.“

Zum Thema Pflegeheim meinte Rolf Arnold, es würde dort zu viel Zeit mit Dokumentation verbracht, deshalb käme der Patient zu kurz. Für die letzte Phase vor dem Tod seien ambulante Palliativteams wie Hospiz und „Clinic Home Interface“ das Richtige. Wichtig sei, sich rechtzeitig darum zu kümmern.

Alle Anwesenden waren sich einig, wie wichtig die Akzeptanz des natürlichen Krankheitsverlaufs ist. Lebensverlängerung um jeden Preis sei nicht der richtige Weg, die Linderung der Beschwerden mache Sinn. Es gebe heilsame Berührungen, die Sterbende wohltuend empfänden und die von jedem erlernbar seien. Dadurch könne auch der Einsatz von Medikamenten reduziert werden. Oft würden sterbende Menschen das Essen und Trinken einstellen, was für die Angehörigen eine belastende Situation sei, sagte Antje Claßen, Koordinatorin beim Hospizverein Tettnang. Doch künstliche Ernährung sei nicht immer die Lösung. Man könne die Beschwerden auch auf andere Art lindern. Sterbende litten auch häufig an seelischen Schmerzen, gegen die es keine Pillen gäbe. Verpasste Versöhnungen mit Angehörigen, Kriegserinnerungen und vieles mehr sorgten für große Qualen.

Die Diskussion über aktive Sterbehilfe wurde ebenfalls geführt. Mancher Mediziner wünsche sich vermutlich, einem schwer leidenden Patienten ein Medikament zur Selbsttötung verschaffen zu dürfen, doch geschäftsmäßige Sterbehilfe werde mit Haft geahndet. Andere seien dagegen der Meinung, dass Sterben ohne Leiden nicht möglich ist. Auf diesem großen Spannungsfeld befinde sich die Diskussion, sagte Rolf Arnold. Eine Entscheidung beim Bundesverfassungsgericht gebe es dazu noch nicht.

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