Neue Säule am Straßenrand ist kein Blitzer

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In Tettnang hat die Firma Toll Collect eine blaue Säule aufgestellt. Diese kontrolliert, ob Laster die Maut bezahlt haben.

Eine Kontrollsäule der Firma Toll Collect fotografiert bald Fahrzeuge auf der Bundesstraße 467 südlich von Tettnang. Ende März haben Arbeiter den vier Meter hohen Koloss etwa 100 Meter hinter der Abzweigung zur Lindauer Straße am Straßenrand aufgebaut. Aber – und das ist eine Besonderheit – so richtig geblitzt wird hier niemand, denn um Geschwindigkeit geht es gar nicht. Die zweite Besonderheit: Die Anlage hat es ausschließlich auf Lastwagen abgesehen.

Der Grund: Ab dem 1. Juli gilt die Lkw-Maut flächendeckend auf allen Bundesstraßen in Deutschland, nicht mehr nur auf Autobahnen und ausgewählten Strecken abseits. Das mautpflichtige Streckennetz vergrößert sich damit von 15 000 Kilometern auf rund 52 000 Kilometer.

Gebühr variiert je nach Fahrzeug

Pro gefahrenen Kilometer müssen die Spediteure mit Fahrzeugen über 7,5 Tonnen nun auch auf Bundesstraßen im Durchschnitt 14 Cent Maut bezahlen – je nach Fahrzeugtyp und Schadstoffklasse. Aufgestellt hat die Säule die Berliner Firma Toll Collect, die vom Bundesamt für Güterverkehr (BAG) mit der Kontrolltechnik beauftragt wurde.

Die Anlage bei Tettnang ist eine von zwei Säulen im Bodenseekreis. Bei Überlingen soll eine weitere aufgestellt werden, deutschlandweit sind es 600 Stück. In ihrem Inneren steckt eine ähnliche Technik wie in den Kontrollbrücken über Autobahnen. Fährt ein Lastwagen vorbei, dann fotografiert die Säule das Kennzeichen und das Fahrzeug mehrmals. Im Anschluss nimmt die Säule automatisch Kontakt mit einem Gerät im vorbeifahrenden Fahrzeug auf und gleicht ab, ob Maut bezahlt wurde. Die Gebühr kann auch ohne Gerät über eine App oder Terminals bezahlt worden sein. Befindet das System alle Angaben für korrekt, werden die Bilder direkt in der Säule wieder gelöscht. Wenn nicht, droht eine Strafe. „Bei der Säule handelt es sich ausschließlich um ein Kontrollinstrument“, sagt Antje Schätzel, Pressesprecherin von Toll Collect. Das bedeutet, dass die Maut grundsätzlich immer entrichtet werden muss – auch wenn keine Säule in der Nähe steht. Die Säule zu umfahren bringt aus Sicht von Toll Collect somit nichts.

Die Bundesstraße zwischen Kressbronn und Ravensburg an der die blaue Anlage mit dem grünen Streifen steht, hat das BAG ausgewählt, den konkreten Standort die Firma Toll Collect. Es werden überall dort Säulen errichtet, wo mobile Kontrollen des BAG unterstützt werden sollen. Diesen zu finden ist generell gar nicht so einfach: Die Säule soll auf öffentlichem Grund stehen, über Kabel anschließbar sein, freie Sicht in beide Richtungen haben und Handyempfang haben können. „Das Aufstellen einer Säule dauert einen Tag. Es sind aber umfangreiche Vorarbeiten notwendig, von der Auswahl des Standorts über Genehmigungsverfahren bis hin zu den Tiefbauarbeiten“, sagt Schätzel. Die Tettnanger Säule steht auf einem Grundstück des Bundes.

2017 wurde die Ausweitung der Lkw-Maut beschlossen. Die zusätzlichen Einnahmen von geschätzt bis zu zwei Milliarden Euro jährlich sollen in den Unterhalt der Straßen fließen. Vor allem Handwerkbetriebe die bislang noch nicht mit der Maut in Berührung gekommen sind, könnten nun davon betroffen sein. „Wir empfehlen den Unternehmen, sich frühzeitig zu informieren ob ihre Fahrzeuge und Fahrzeugkombinationen unter die Mautpflicht fallen, und zu entscheiden, wie sie zukünftig Maut bezahlen wollen“, sagt Anja Schätzel von Toll Collect.

Kammer kritisiert Mehraufwand

Die Handwerkskammer Ulm findet grundsätzlich gut, dass die Einnahmen aus der Maut in den Erhalt der Straßen fließen sollen. Hauptgeschäftsführer Tobias Mehlich kritisiert allerdings den Mehraufwand für Handwerksbetriebe: „Jede Mauterhebung bedeutet eine finanzielle Zusatzbelastung und mehr Bürokratie. Daher führt die Maut im Endeffekt zu höheren Preisen für die Verbraucher.“

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