Mit dem Kinderauto durch den Bacchussaal geflitzt

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 Aufmerksam folgen die Zuhörer dem Vortrag von Baudirektor a. D. Peter Moser im Bacchussaal des Neuen Schlosses.
Aufmerksam folgen die Zuhörer dem Vortrag von Baudirektor a. D. Peter Moser im Bacchussaal des Neuen Schlosses. (Foto: Gisbert Hoffmann)
Schwäbische Zeitung

Wer heute die musealen Prunkräume im Tettnanger Neuen Schloss besucht, könnte meinen, dass sich Ausstattung und Inventar seit der Zeit der Grafen von Montfort unverändert erhalten haben. Dabei wurden nach dem Verkauf der Grafschaft an Österreich 1780 und dem Aussterben des Grafengeschlechts acht Jahre später alle Möbel und Einrichtungsgegenstände verkauft. Erst seit Anfang der 1970er-Jahre – nun im Besitz des Landes Baden-Württemberg – sind die Räume wieder sorgsam nach alten Befunden restauriert und mit zeitgemäßem Mobiliar aus Landesbeständen ausgestaltet worden.

In den rund 200 Jahren dazwischen standen die Räume nie leer und waren entsprechend ihrer unterschiedlichen Nutzung eingerichtet. Über diese Zeit referierte Peter Moser, der für die Sanierung in den vergangenen Jahren zuständige Baudirektor für Vermögen und Bau beim Land, vor gut dreißig Zuhörern im Bacchussaal.

Hopfentrocknen im Schloss

Nach kurzen österreichischen und bayerischen Epochen ist das Neue Schloss seit 1810 eine landeseigene württembergische Immobilie. Zahlreiche Bau- und Belegungspläne aus dem Staatsarchiv Sigmaringen geben detailliert Auskunft über die frühere Nutzung und den Zuschnitt der Räume. Während sich im Erdgeschoss immer die Büroräume verschiedener Dienststellen befanden, waren im ersten Obergeschoss Dienstwohnungen. Im südlichen Bereich zum Schlosspark hin wohnte der Oberamtmann, der Dienstherr des Oberamts Tettnang, später der Landrat. An der Westecke lag die Wohnung des Oberamtsrichters. Nachdem 1854 die Schlosskapelle zur Kirche für die evangelischen Christen geworden war, wohnte der Pfarrer im nördlichen Bereich. Dabei bezog er die Kirchenempore als Speisekammer in die Nutzung ein. Der Bacchussaal diente allen als Abstellraum.

Auch in den Fluren hatte man zum Teil durch Trennwände neue Kammern geschaffen. Die Räume im zweiten Obergeschoss wurden für die Lagerung von Brennholz und sogar zum Hopfentrocknen genutzt. Im Innenhof befand sich in dem Bereich, wo heute bei Konzerten die Bühne steht, bis Mitte der 1950er-Jahre ein einstöckiger Anbau. Der Schlosspark war parzelliert und eine bunte Gartenlandschaft. Im zweiten Teil seines Vortrags beschrieb Moser die einzelnen Ausbauprogramme des Landes für das Schloss. In der ersten Phase 1955 bis 1964 erhielt das Gebäude Zentralheizung und Hausmeisterwohnung, in der zweiten 1970 bis 1982 wurden die Räume der Beletage zum Museum ausgebaut und der Park neu gestaltet. 2009 und 2010 ging es um Brandschutz und Barrierefreiheit mit Aufzug und im letzten Bauabschnitt 2012 bis 2018 in erster Linie um Dach- und Fassadensanierung sowie Wärmeschutz. Mit der Aufzählung der Aufgaben für die nahe Zukunft, zum Beispiel die Wiederbelebung des Schützenhauses und einem neuen Museumskonzept beendete Moser seinen interessanten Vortrag.

Eine ganz persönliche Note ergab sich bei der abschließenden Diskussion, als ein ehemaliger Bewohner des Schlosses ein paar Anekdoten zum Besten gab: Der Sohn eines Landrats wurde im Schloss geboren, hatte sein Zimmer im sogenannten Holländischen Kabinett und war mit seinem Kinderauto immer durch Bacchussaal und Flure geflitzt.

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