Mit dem Fahrrad über den Bodensee

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Bruno Wirth ist stolz, die Seegfrörne 1963 miterlebt zu haben.
Bruno Wirth ist stolz, die Seegfrörne 1963 miterlebt zu haben. (Foto: Wirth)
Schwäbische Zeitung
Volontärin

Der Winter 1963 hat ein besonderes Naturschauspiel geboten: die Seegfrörne. Zum bislang letzten Mal war der komplette Bodensee zugefroren. Unzählige Menschen überquerten den See zu Fuß, auf dem Fahrrad oder auf dem Pferd. Einer von ihnen war der Tettnanger Bruno Wirth.

„Ich hatte im Radio gehört, dass der See zugefroren sei. Also bin ich mit meinem Schulkameraden hingefahren, wir waren ja neugierig“, erzählt Bruno Wirth. 1963 war er zehn Jahre alt und wohnte in Steinenbach. Er holte seinen Freund ab und sie fuhren mit ihren Fahrrädern nach Kressbronn zum Landungssteg. „Da waren schon ganz schön viele Menschen auf dem See. Wir haben uns einfach drangehängt und wollten sehen, wo die alle hinlaufen“, sagt Wirth. Dann ging es mit dem Fahrrad rüber in die Schweiz, nach Rohrschach. Zwei Stunden habe die Fahrt gedauert.

Ganz ungefährlich war das Abenteuer nicht. Zumal die beiden Zehnjährigen risikobereit waren: „Ab und zu sind wir an Eisspalten vorbei gefahren. Da haben wir dann immer versucht, mit dem Fahrrad drüber zu springen“, erzählt Wirth. Angst hätten sie dabei nicht gehabt, so jung wie die beiden waren, habe der Spaß im Vordergrund gestanden. Doch einige Male wurde ihnen mulmig.

„Nur manchmal sind wir kurz erschrocken, wenn sich ein Riss im Eis gebildet hat. Das gab ein sehr lautes Krachen, wie bei einem Gewitter. Richtig unheimlich war das“, sagt er. Passiert ist den beiden Jungs aber glücklicherweise nichts. Nach den zwei Stunden Fahrt kamen sie in Rohrschach an. „Ein Zöllner hat uns direkt abgefangen und uns ins Zollamt geschickt“, sagt Wirth. „Da holt ihr euch eine Urkunde und dann geht ihr schleunigst wieder heim“, habe der Zöllner gesagt. Die Urkunde bestätigt heute noch, dass er mit dem Fahrrad den See überquert hat. „Wir gratulieren zu dieser Leistung und wünschen eine gute Rückkehr“, ist darauf zu lesen, zusammen mit einem Stempel und einer Unterschrift des Zollbeamten. „Damals war mir gar nicht klar, wie besonders das war. Ich habe die Urkunde entgegengenommen, weil alle das so gemacht haben“, erklärt Wirth.

Die Eltern wussten von nichts

Zu Hause versteckte er die Urkunde in seiner Kommode, denn seine Eltern wussten nichts von dem kleinen Ausflug. „Da hätte ich ganz schön Ärger bekommen“, schmunzelt er.

Noch heute denkt Wirth oft an die Seegfrörne, vor allem, wenn er wie so oft am See spazieren geht. Einziger Wermutstropfen: Seinen damaligen Schulfreund Karl-Heinz Hase hat er aus den Augen verloren. „Ich war nochmal in Apflau, dort hat er früher gewohnt. Aber inzwischen ist er weggezogen“, bedauert Wirth.

Auch wenn es ihm früher nicht bewusst war, inzwischen ist Bruno Wirth stolz, dass er die Seegfrörne erlebt hat. „Jedes Jahr zum Jahrestag meines Seegfrörne-Abenteuers mache ich mit meiner Frau eine Flasche Wein auf. Ein bisschen feiern und sich daran erinnern muss sein!“

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