Lieder über das alte und neue Israel

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Esther Lorenz beim Kammermusikkonzert in St. Johann.
Esther Lorenz beim Kammermusikkonzert in St. Johann. (Foto: Helmut Voith)
Christel Voith

Mit einem intimen, eindringlichen Konzert ist am Sonntagabend die Reihe Kammermusik 2018 in St. Johann zu Ende gegangen. Zusammen mit Hendrik Schacht an der Akustikgitarre hat die Sängerin Esther Lorenz in ihrem Programm „Chofim“ mit hebräischen Liedern und Weisen auf eine Reise ins alte und neue Israel mitgenommen und ihren Zuhörern jüdisches Leben und Fühlen nahegebracht.

Zart wie ein Vogel erhebt sich ihre Stimme, zum sonnigen Lied wird König Davids Psalm 57. Was würde besser passen zu diesem Abend als die Zeilen: „Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen. Ich will das Morgenrot wecken...“ Schön ist es, die warme, weiche Stimme pur zu erleben, ebenso die Gitarre, die behutsam begleitet.

Mit dem israelischen Dichter Nathan Jonathan besingt Esther Lorenz das Ufer, die leeren Muscheln am Strand. Sanft malt sie das sehnsuchtsvolle Bild, lässt gleich drauf schmunzeln über einen vergesslichen Mann und wandert weiter zum Lied „Machar“, das ein Morgen besingt, in dem die Friedensglocken läuten und reiche Blüten aus Felsenspalten wachsen werden: „Das alles ist kein Märchen und kein Traum, das alles kommt, morgen, wenn nicht heute, und wenn nicht morgen, dann übermorgen.“

Bis dahin singen Entwurzelte von ihrer Sehnsucht. Mit Rose Ausländer gibt Esther Lorenz ihnen eine Stimme und singt den Psalm 137: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten...“ Verletzlich, zerbrechlich und schutzlos klingt da ihre Stimme und verleiht der Sehnsucht noch größeren Nachdruck. Schmunzeln lassen die Ausflüchte eines Mannes, der noch nicht zur Heirat bereit ist: „Ich habe noch nicht genug geliebt.“ Melodisch ist die folgende Hommage an den See Genezareth, wie ihn die hebräische Lyrikerin Rachel Bluwstein beschreibt.

Esther Lorenz erzählt von der Vertreibung der Juden aus Spanien, von den Sephardim, die in alle Welt zogen, und singt ein sephardisches Wiegenlied. Dessen unendliche Zärtlichkeit täuscht über die Härte des Textes hinweg: Das Kind kann noch nicht verstehen, dass die Mutter ihm erzählt, dass der Vater nicht von der Arbeit, sondern von einer neuen Liebe kommt. Es ist ein leiser Belcanto aus tiefster Seele, gesungene Tränen, die die Stimme ins Unhörbare versinken lassen. Atemlos lauschen die Zuhörer, zögerlich kommt hier der Applaus.

Zum Mitsingen lädt die Sängerin mit dem bekannten Lied „Dona, dona“ aus dem Warschauer Ghetto ein. Ein altes Lied mit alter Melodie erinnert an jüdische Festtage, ehe die Gitarre mit „Kol Dodi“ Zeilen aus dem Hohelied aufnimmt. Humorvoll schließt Esther Lorenz ihre Reise ab: Man sollte sich nicht im Mondschein verlieben, denn bei Tag sieht der so schöne Schatten oft gar nicht mehr so begehrenswert aus: „Der Mond hat mich getäuscht! Ich nehm‘ dich nicht zum Gatten, hab dich bei Sonnenschein gesehen!“ In diesem Lied der spanisch-stämmigen Sephardim war in Stimme und Musik deutlich der Flamenco zu hören. Mit dem Segen Isaaks für seinen Zweitgeborenen Jakob endet der eindringliche Liederabend.

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