Lachen bis der Rollator kracht

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 Die vier Altersheimverweigerer von „Pflegestufe Null“ unterhalten ihr Publikum Josef-Zacher-Saal. Bis zu 40 Auftritte im Jahr l
Die vier Altersheimverweigerer von „Pflegestufe Null“ unterhalten ihr Publikum Josef-Zacher-Saal. Bis zu 40 Auftritte im Jahr legt das lustige Quartett hin. (Foto: oej)
Olaf E. Jahnke

Bis zum letzten Platz gefüllt ist der Josef-Zacher-Saal am Donnerstag beim Benefiz-Konzert gewesen. Geboten hat die Musikkabarettgruppe „Pflegestufe Null“ Vielschichtigkeit, von frech bis hintergründig und auch tagesaktuell politisch immer mit viel Humor und Ironie, wie auch durch Selbstbetrachtung geprägt.

Die U80 Combo startet und schließt mit ihrer Interpretation von Udo Jürgens’ Rentnerhit „Mit 66 Jahren“, nur dass die ruhelosen Rentnerkabarettisten jeweils einen Zehnjahresschritt draufsetzen, immer nach dem Motto: „Mit 96 ist noch lange nicht Schluss!“ Direkt ans Eingemachte geht der frühere Neukircher Dorfarzt Michael List, als „Oberschwabens Antwort auf Dr. Hirschhausen“ mit viel Wortwitz, Pointen und durchaus aktuellen Themen. Mehrfach trifft es Donald Trump, dessen Handelspolitik List klassifiziert: „Strafzölle sind so blöd wie Brennholzverleih“ und der zu Bossa-Klängen mit dem Refrain besungen wird: „Schuld ist nur der blonde Opa“. Aber auch Angela Merkel als künftige Tanztrainerin bei Ras-Putin, Annegret Kamp-Karrenbauer auf dem Exerzierplatz, Ursula von der Leyen als EU-Oberblondchen oder die sich mit „Ätschi-Bätschi“ verabschiedende Andrea Nahles werden auf die Schippe genommen.

Bandleader und Sousaphonist List pflegt einen besonderen Sprachstil, wenn er mit unvergleichlich erheiternder Häme über die Fahrrad-Senioren in ihren teuren hautengen bunten Fahrraddressen herzieht. Oder wenn er seinem Unmut über Rechtsextreme wie Björn Höcke Luft macht: „AfD - das heißt eigentlich ‚Adolf für Dich’“. Oft musikalisch umgesetzt, werden auch alterstypische Fragen angesprochen, wie das unentbehrliche Handy: „Kein Schwein ruft mich an“.

Nicht nur beim Gesang ergänzen sich die vier Altersheimverweigerer - Qualitätskriterium AH oder Artgerechte Haltung - fast ganz unplugged. Mit Gesang und Trompete sind Wendelin Fuchs , Josef Straub mit Gitarre und Gesang sowie Manfred Bemetz an der Klarinette ebenfalls munter mit dabei. Zum humorvollen Altwerden gehört wohl auch die Konfrontation, da dürfen freilich altersgerechte Themen nicht fehlen, wie bei „Atemlos durch die Nacht, bis mir der Rollator kracht“ oder beim Lied „Die blauen Tabletten“ zu den Klängen von „Stille Nacht“. Auch Ausscheidungsproblematiken aller Art werden quasi ohne Berührungsängste angesprochen bevor es - natürlich gegen Ende - an die Endlichkeit des Seins mit Humor geht. Narrenhaft ausgedrückt: „Hast vom Leben Du genug – wirf’ dich vor den Fanfarenzug“ oder zur Berufsgruppe der Reinigungskräfte: „Nach dem Ableben wird selbst die Putzfrau zu Staub.“

Wie Bandleader List verrät, sind die sittlich und musikalisch gereiften Herren inzwischen auf rund 40 Veranstaltungen im Jahr gebucht, darunter auch Jubiläen, Geburtstage oder - wen wundert es - in Altersheimen, Reha- und Pflegeeinrichtungen. Die „Rentner-Profis“ geben dazu zwei Mal im Jahr ein Benefiz-Konzert.

1000 Euro Erlös

An diesem, von der Seelsorgeeinheit Argental veranstalteten Abend, geht der Spendenerlös an den Ambulanten Kinderhospizdienst für den Bodenseekreis Amalie. Koordinatorin Sybille Wölfle ist dazu nach Neukirch gekommen. Sie freut sich dank Honorarverzichts der Pflegestufler und der Spendenbereitschaft der Neukircher über 1000 Euro Erlös aus dem Benefizkonzert. Das Geld hilft bei der Unterstützung der Lebensbegleitung von zahlreichen Familien in Situationen mit Krankheit, Sterben, Tod und Trauer.

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