Jaquard-Webstühle bestücken Tettnangs erste Fabrik

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Das heutige Erscheinungsbild der "alten Kaserne" geht auf den Umbau aus den Jahren 1986/87 zurück. (Foto: Hanna Hoffmann)
Schwäbische Zeitung
Hanna Hoffmann

Im zweiten Teil der Serie „Tettnanger Geschichten“ blendet die SZ ins Jahr 1800 zurück – und damit zu dem großen Brand vom 24. Oktober, der 22 Häuser vernichtete. Ihm zum Opfer fiel auch die „Traube“ in der heutigen Montfortstraße. Der Wirt, Lukas Bauer, errichtete ein Jahr später in der Loretostraße unweit der Loretokapelle das neue Gasthaus „Traube“, das bis 1850 als Wohn- und Gasthaus genutzt wurde. Richard Gessler, dessen Vorfahren Tuchfabrikanten waren, kaufte es und gründete eine Seidenfabrik. Damit hatte die erste Fabrik in Tettnang Fuß gefasst.

Das Ende der Seidenfabrik

Der Platz reichte für die Tuchfabrikation aber nicht aus. Daher beantragte Gessler 1851 den Anbau eines Fabrikgebäudes – zugleich der Startschuss für das Gebäude-Ensemble, das später als „alte Kaserne“ den Tettnangern ein Begriff war. Im Obergeschoss des Neubaus wurden fünf Jaquard-Webstühle untergebracht.

Das zweite Standbein von Richard Gessler war die Landwirtschaft. Ein Teil des Fabrikgebäudes wurde damals als Hopfendarre genutzt. Das Ende der Seidenfabrik kam 1894 mit Richard Gesslers Tod und dem seines Sohnes, der ein paar Tage nach dem Vater an den Folgen einer Krankheit starb.

Da es keine Erben gab, wurde in den nächsten Jahren der gesamte Besitz versteigert. Die Sägereibesitzer und Kistenfabrikanten Gebrüder Locher erhielten den Zuschlag für Haus und Fabrikgebäude und bauten im Jahr 1899 den Fabrikanbau zu Wohnungen für ihre Arbeiter aus. Worauf der Name „alte Kaserne“ zurückzuführen ist: Der Name umfasst also nicht nur das Gebäude der ehemaligen „Traube“, sondern auch den Fabrikanbau durch Richard Gessler und den Ausbau der Wohnungen. 1986/87 wurde die „alte Kaserne“ unter der Wahrung des Erscheinungsbildes saniert. „Der Turm wurde damals vom Dach geholt und eins zu eins nachgebaut“, erinnert sich Bernd Heilig, der damals als Zimmermann mit dabei war. Die einstmals von den Gebrüdern Locher angebauten Wohnungen wurden abgerissen und als Neubau im rückwärtigen Teil wieder errichtet.

Heute befinden sich in der „alten Kaserne“ Wohnungen, eine Anwaltskanzlei und Ärzte.

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