Interview: „Das macht Mut, wenn Du merkst, dass Du nicht allein bist“

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Antje von Dewitz ist Geschäftsführerin des Obereisenbacher Familienunternehmens Vaude. Sie selbst und Vaude sind wegen sozialen
Antje von Dewitz ist Geschäftsführerin des Obereisenbacher Familienunternehmens Vaude. Sie selbst und Vaude sind wegen sozialen und ökologischen Engagements vielfach ausgezeichnet. (sz) (Foto: Vaude/Nicole Maskus-Trippel)
Schwäbische Zeitung

In ihrem Buch „Mut steht uns gut“ schildert Vaude-Chefin Antje von Dewitz, welche Hürden die starke Ausrichtung des Outdoor-Unternehmens auf Nachhaltigkeit und soziale Werte mit sich gebracht hat und wie sie damit umgeht. Mit Mark Hildebrandt hat die Unternehmerin Antje von Dewitz darüber gesprochen, was bei einem solchen Prozess wichtig ist, wo Mut beginnt und wie wichtig es ist, auch Mitstreiter um sich zu wissen.

Als Sie Vaude-Chefin geworden sind, haben Sie Ihre Geschäftsleitung hinter sich gehabt, mussten aber durchaus auch Hindernisse bei ökologischen und sozialen Themen überwinden. Was können Unternehmer tun, die einen ähnlichen Weg gehen wollen?

Ganz wichtig finde ich es, eine klare Vision einer lebenswerten Zukunft zu zeichnen und wie das Unternehmen dazu beitragen kann. Und dann muss man die Zielkonflikte bewältigen, die auf den ersten Blick unlösbar erscheinen. Wie kann man beispielsweise etwas mit einem neuen, nachhaltigen Material hinkriegen, das aber vielleicht das Doppelte kostet? Den Rahmen muss ein professionelles Nachhaltigkeitsmanagement bilden, mit Auditsystemen und fachlicher Expertise. Unsere Erfahrungen versuchen wir nun auch in einer Akademie für nachhaltiges Wirtschaften weiter zu vermitteln. Es gibt immer tausend Gründe, warum der nächste Schritt nicht gegangen werden kann. Da muss man die Mitarbeiter von Anfang an bei Maßnahmen und Zielen mit einbeziehen, und ihren Beitrag zum Ergebnis sichtbar machen. Eine große Hilfe ist unser interdisziplinäres Nachhaltigkeitsteam. Das bespricht die Herausforderungen gemeinsam, danach gehen alle quasi als Botschafter zurück in ihre Abteilungen. Wichtig ist auch die Spürbarkeit am eigenen Arbeitsplatz: Man kann nicht alle Mitarbeiter in billigste Büros stopfen, Überstunden fordern und sagen, jetzt kämpfen wir gemeinsam für mehr Nachhaltigkeit. Es muss schon beim Mitarbeiter ankommen, dass Nachhaltigkeit auch Lebensqualität bedeutet.

Wie kann sich Mut ausdrücken, wenn Handlungsspielräume gering sind, etwa bei einer alleinerziehenden Mutter mit drei Jobs?

Also für mich fängt Mut an, wenn man beim Einkaufen nachfragt: Sagen Sie mal, wie können Sie mir eigentlich garantieren, dass das Produkt ökologisch und sozialverträglich hergestellt ist? Man will ja niemanden brüskieren, aber damit bringt man seine Haltung zum Ausdruck. Das hilft tatsächlich. Als wir vor zwölf Jahren angefangen haben, haben Händler gesagt: Das Thema interessiert keinen. Mittlerweile kommen die Händler und sagen: Die Kunden fragen danach. Erzählt mir doch noch mal von Green Shape. Die Kaufentscheidung ist natürlich vom Geldbeutel abhängig. Aber allein das zu thematisieren, kostet Mut und hilft.

Wie mutig ist die Politik derzeit? Es gibt Forderungen, Fördermaßnahmen an ökologische und soziale Kriterien zu koppeln. Kritiker sagen, das könnte Arbeitsplätze kosten.

Wir sind eine der reichsten Industrienationen der Welt. Und es gibt eine Katastrophe, die jetzt wegen Corona ein bisschen in den Hintergrund getreten ist. Aber es gilt, die Klimaziele zu erreichen, damit wir eine gute Zukunft für unsere Kinder haben. Diese Krise darf jetzt kein Anlass sein, dass wir wieder einen Schritt zurückgehen. Im Gegenteil: Wenn so viel Geld freigemacht wird, ist es wichtig, das daran zu koppeln. Da muss man halt gute Lösungen finden. Das gilt für Unternehmen wie auch für die Politik.

Vaude hat sehr früh geflüchtete Menschen beschäftigt. Sie und Gottfried Härle haben die Bleiberecht-Initiative gegründet. Was hat Ihnen auch angesichts von Drohmails in der Anfangszeit geholfen, Kante zu zeigen?

Wir sind als Unternehmen ja gewöhnt, sozusagen im Gegenwind zu stehen. Ich habe gedacht, das müssen wir jetzt aushalten können. Gerade werteorientierte Unternehmen müssen sich hinstellen und dürfen nicht einknicken, weil jetzt böse Mails kommen. Die Gefahr ist ja die der großen schweigenden Mehrheit. Mulmig war mir schon. Aber was mir richtig Rückhalt gegeben hat, war eine Weihnachtsfeier, auf der ich über das Thema gesprochen habe. Da gab es ganz langen Applaus. Dort habe ich dann auch richtig gespürt, mein Team steht hinter mir. Das macht Mut, wenn Du merkst, dass Du nicht allein bist, sondern dass wir viele sind.

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