Im Tettnanger Mordprozess wird es emotional

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 Beim vierten Prozesstag des Tettnanger Mordprozesses am Ravensburger Landgericht wird es emotional.
Beim vierten Prozesstag des Tettnanger Mordprozesses am Ravensburger Landgericht wird es emotional. (Foto: dpa)
Siegfried Großkopf

Im Prozess um den Mord am 28. April 2019 in der Tettnanger Jahnstraße ist es am Donnerstag vor einem Schwurgericht des Landgerichts Ravensburg zu einem Wiedersehen des Hauptangeklagten mit seiner Noch-Ehefrau gekommen.

Allerdings keinem freundschaftlichen. „Was hann i gemacht?“, brüllte der 38-Jährige seine Frau im Zeugenstand an, als die ihn der Aggressionen, Gewalttätigkeiten und Alkoholexzessen während ihres Zusammenlebens bezichtigte, was er als erlogen bezeichnete.

Mit weiteren Zeugenaussagen und dem Verlesen von Briefwechseln zwischen den drei Angeklagten wurde gestern der Prozess fortgesetzt, bei dem es um die Tötung eines 59-Jährigen geht, der – auf dem Sofa liegend - vom 38-jährigen Hauptangeklagten zunächst gewürgt und dann mit einem Kissen erstickt worden sein soll.

Mitangeklagt sind die 25-jährige Stieftochter des Toten wegen Anstiftung zum Mord und dessen 45-jährige Ehefrau wegen gefährlicher Körperverletzung.

Die Aussagen der Polizeibeamten und eines Ermittlungsrichters, die in den Fall involviert waren, bestätigten bisherige Einvernahmen anderer der insgesamt 13 geladenen Zeugen.

Angeklagter soll gesagt haben, es sei nicht der erste gewesen, den er umgebracht habe

Danach hat die Stieftochter – als die den Toten entdeckt und zunächst an einen Scherz geglaubt haben will – die Polizei gerufen, die Beamten ins Haus gelassen und zu dem Hauptangeklagten geführt, der nach der Tat auf dem Balkon des Mehrfamilienhauses eine Zigarette geraucht und krakeelt haben soll, das sei nicht der Erste, den er umgebracht habe.

Seiner Geliebten hatte er gestanden, er habe „zugedrückt“, man könne jetzt ein neues Leben beginnen. Die 25-Jährige nannte den Tatverdächtigen gegenüber dem Ermittlungsrichter einen Psychopathen, auf dem man aufpassen müsse. Der „komische, besitzergreifende Kerl“ habe auch sie geschlagen.

Die Ehe des Tatverdächtigen steht vor dem Aus. Seine Frau hat die Scheidung eingereicht. Das Noch-Ehepaar hat zwei kleine Kinder. Während seiner sporadischen Aufenthalte in der Jahnstraße lebte der des Mordes Beschuldigte in einem Zimmer des Schwesternwohnheims beim Klinikum. Warum es am Tatabend wieder einmal zu Streitigkeiten und dem Mord an dem 59-Jährigen kam, wurde bisher nicht klar.

Das Opfer war schon früher aufgefordert worden, sich eine andere Wohnung zu suchen, worauf er aber keine Lust hatte. Möglicherweise hatte ihn seine Stieftochter provoziert.

Da habt ihr mich aber ins Messer laufen lassen.

Der Angeklagte in einem Brief an die Mitangeklagten

Vor der menschlichen Katastrophe hatte die 45-jährige Frau des Opfers ein gemeinsames Essen vorbereitet. Dabei und danach wurde reichlich getrunken, nicht zuletzt Wodka.

Auf die Marke hatte man sich nicht festgelegt. Gekauft wurde, was es im Angebot gab. Nachweislich waren an dem Tatabend sowohl die drei Angeklagten wie der 59-Jährige erheblich alkoholisiert.

Polizist schildert Wohnsituation der Angeklagten und des Opfers

Ein Polizeibeamter schilderte die Wohnsituation und die einzelnen Schlafplätze. Danach haben der Hauptangeklagte und die Frau des späteren Opfers gemeinsam in einem Bett des Schlafzimmers geschlafen, während der auf dem Sofa des Wohnzimmers ruhte, wo ihn der Täter mit beiden Händen gewürgt und anschließend ein Kissen ins Gesicht gedrückt haben soll.

In einem Brief aus dem Gefängnis an die 25-jährige Mitangeklagte schrieb der 38-Jährige: „Da habt ihr mich aber ins Messer laufen lassen.“ Hintergrund könnten Absprachen zum Mord sein. Dennoch wünschte er ihr Glück in ihrem Leben, denn sie würde wohl nicht so lange im Gefängnis bleiben müssen wie er, der mit zwölf Jahren rechnet, wie er schrieb.

Briefwechsel zwischen den Angeklagten

Die 45-Jährige schrieb ihm zurück, sie wisse nicht was passiert sei, sie habe ihn sehr geliebt. Und wiederum er schrieb an sie: „Es tut mir leid was ich getan habe. Du wirst jetzt viel um die Ohren haben. Ich liebe dich. Wir werden uns lange nicht sehen. Wirf’ mich nicht weg.“ Für den Fall, dass sie ihn besuchen möchte, nannte er seine Adresse.

Nicht mehr so freundlich las sich der nächste Brief an sie: Mittlerweile habe er die Protokolle gelesen, schrieb er, und: Es sei unfassbar, was sie gesagt habe. „Ihr lasst mich fallen wie eine heiße Kartoffel, leb’ wohl. Am Ende war die Liebe doch nicht so stark, wie du immer gesagt hast“.

Von Alkoholkonsum, Führerscheinentzügen, Aggressionen, Übergriffen und Platzverweisen ihres Noch-Ehemannes berichtete seine Noch-Ehefrau.

Bei der Ausbildung im Berufsbildungswerk hatte man sich kennengelernt. Nach der Heirat habe sie bald seine Alkoholprobleme mitbekommen. Ihr falle nichts Positives zu ihm ein, meinte sie zur Frage des Vorsitzenden, was er für positive Seiten habe. Gewalttätig sei er auch gegenüber den Kindern geworden.

Der Prozess wird am Freitag um 9 Uhr fortgesetzt.

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