Historisches Zeugnis der Tettnanger Arbeiterbewegung

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Schreinermeister Martin Hagenmaier (links), der die Vitrine für die historische Fahne des Katholischen Arbeitervereins angeferti
Schreinermeister Martin Hagenmaier (links), der die Vitrine für die historische Fahne des Katholischen Arbeitervereins angefertigt hat, und Kolping-Vorstand Martin Kaifler (rechts) im Kolpingsaal der Gemeindezentrums St. Gallus. (Foto: Fotos: Katholischer Arbeiterverein)
Schwäbische Zeitung

Im Kolpingsaal des Gemeindezentrums St. Gallus erinnert nun eine aufwendig gefertigte Vereinsfahne an den ehemaligen katholischen Arbeiterverein, der 1901 gegründet wurde, und seine Nachfolgeorganisation, die bis Ende der 1970er-Jahre existiert hat.

Vereinsfahnen waren schon immer sichtbare Zeichen für lebendiges Brauchtum und wesentlicher Bestandteil kirchlicher und weltlicher Feste. Das schreibt der Förderkreis Heimatkunde in einem Pressebericht. Kunstvoll gestickt und handwerklich aus feinsten Materialien gefertigt ist jede Fahne ein Unikat. Die Fahne des Tettnanger Arbeitervereins mit Stadt- und Montfortwappen auf der Vorderseite, zeigt auf der Rückseite ein Bild der Heiligen Familie und den Vereinswahlspruch „Gott segne die christliche Arbeit“.

Arbeitervereine entstanden ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert. Während die damaligen Gesellenvereine (das heutige Kolpingwerk) sich der Handwerkerschaft annahmen, hatten die Arbeitervereine das Ziel, Industriearbeiter gegenüber ihren Arbeitgebern zu schützen, da ihre wirtschaftliche Lage von niedrigen Löhnen, langen Arbeitszeiten und Schutzlosigkeit bei Krankheit geprägt war, heißt es im Bericht weiter. Eine weitere Aufgabe lag in der Schulung der Mitglieder auf sozialem, politischem und religiösem Gebiet.

In unserer Region wurde 1885 der erste Katholische Arbeiterverein in Ravensburg gegründet. Bei der Gründungsversammlung des Tettnanger Arbeitervereins am 31. März 1901 im „Gesellenhaussaal“ stand der Ravensburger Bruderverein Pate. 37 Arbeiter traten spontan dem Verein bei. In Tettnang arbeiteten Gesellenverein und Arbeiterverein eng zusammen. Gemeinsam wurde ein Sängerchor aufgestellt, der bei verschiedenen Gelegenheiten öffentlich auftrat. 1926 feierte der Arbeiterverein drei Tage lang sein 25-jähriges Bestehen. 1939 verfügte das NS-Regime die Auflösung aller konfessionellen Vereine und Verbände. Die letzte Sitzung des Tettnanger Arbeitervereins fand am 22. Juli 1939 statt. Nach dem Krieg kam es zu Neugründungen, auch in Tettnang, jetzt unter dem Namen Katholisches Werkvolk. 1971 gründeten die Werkvolk-Verbände den Bundesverband der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) als Dachverband, der noch heute vielerorts existiert und aktiv ist. Der Tettnanger Verein arbeitete, besonders im Bereich Erwachsenenbildung, eng mit der Kolpingfamilie zusammen. Nach 1976 trat der KAB-Ortsverein Tettnang nicht mehr in Erscheinung. Interessenten fanden bei der Kolpingfamilie Aufnahme.

Anlässlich der Feier zum 25-jährigen Bestehen des KAB-Bezirksverbands Bodensee 1985 wurde die Fahne des Tettnanger Arbeitervereins nach Ravensburg übergeben. Jetzt brachte der frühere Bezirksvorsitzende Erwin Weiß die traditionsreiche Fahne zurück. Die Kolpingfamilie Tettnang ließ unter der Regie ihres Vorsitzenden Martin Kaifler eine neue Glasvitrine bei Schreinermeister Martin Hagenmaier anfertigen; Anita Nachbaur hat die Schlaufen zum Aufhängen angenäht. Neben der historischen Kolpingfahne von 1925 hat die Fahne des Arbeitervereins nun im Gemeindezentrum von St. Gallus einen sicheren und würdigen Platz gefunden.

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