Heimatforscher Elmar Kuhn gibt gräfliche Einblicke

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Elmar Kuhn
Elmar Kuhn (Foto: Anrö)
Annette Rösler

Der Tettnanger Förderkreis Heimatkunde hat vergangene Woche den gebürtigen Kressbronner Heimatforscher und Autor, Elmar Kuhn, in den bestens besuchten Bacchus-Saal des Neuen Schlosses in Tettnang eingeladen, um über die Chronik der Montfort-Grafen zu sprechen.

Elmar Kuhn ist Experte der Geschichte Bodensee-Oberschwabens. „Ich befasse mich mit den Bruchstellen der Geschichte, das heißt, immer wenn etwas passiert ist, wird es für mich interessant“, so Kuhn. Beispielsweise der Bauernkrieg in Oberschwaben oder die Geschichte des Pauliner Ordens.“ Die Geschichte der Montfort-Grafen, welche über Jahrhunderte hinweg großen Einfluss auf den Bodenseeraum und Vorarlberg nahmen, hat der Jesuitenpater Andreas Arzet von 1640 bis 1670 als Chronik verfasst. Sie wurde in München als Handschrift verwahrt. Für die Transkription konnte Julian Schulz von der Ludwig-Maximilians-Universität München gewonnen werden, wie Kuhn erzählte. Unterhaltsames, ausführliche Beschreibungen von einzelnen Vorgängen oder auch Bildmaterial lockern diese neue Chronik auf. Die Edition aus diesem Jahr besteht aus drei Werken mit zahlreichen Quellenangaben. Das letzte und umfangreichste Werk ist der montfortische Stammbaum, der „unzerstörbare“ Cederbaum. Gisbert Hoffmann, Vorsitzender des Förderkreises Heimatkunde, dankte Elmar Kuhn für sein Kommen und dafür, dass er als Triebfeder für die „Entstaubung“ der Chronik verantwortlich ist. In der Chronik würden spannende Einblicke in die Lebenswelt der Grafen und ihrer Untertanen vermittelt, so Kuhn. Ursprung und Herkommen, Geschichten, Politik, Glück und Unglück des Geschlechts der Montfort-Grafen, werden beleuchtet. Dramatisch schildert Arzet Zeiten im selbst erlebten 30-jährigen Krieg, der auch in Tettnang auf heftigste Weise wütete. Zerstörtes Land, Kriegssteuern, die kaum bezahlt werden konnten, die darauf folgende Pest und die Zerstörung des damaligen Tettnanger Schlosses und des Schlosses Argen durch Brände.

Die ehemals weiten Herrschaftsgebiete der Grafen von Montfort waren geschrumpft, da die Grafen sich aus der Schuldenlast nicht mehr befreien konnten und Uneinigkeit in der Familie ebenfalls zur Verkleinerung beitrug. Dazu kam, dass Nachkommen ausblieben und Österreich schon auf das Ende des gräflichen Hauses wartete. Pater Andreas Arzet, Beichtvater Graf Hugos und Lehrer des Sohnes Graf Anton, begann die Chronik der Familie niederzuschreiben, als diese sich schon in einer existenziellen Krise befand. Mit der Adelschronik sollte die Hoffnung auf einen dauernden Bestand der Montforter demonstriert und durch den Nachweis von vorchristlichen Vorfahren ein uraltes, hochadeliges und weitberühmtes Geschlecht bewiesen werden.

Die Stammfolge konnte später tatsächlich sehr weit zurückverfolgt werden, so Elmar Kuhn. Die Adelschronik diente aber auch als Dokumentation ehemaliger und gegenwärtiger Herrschaftsrechte, um die Erbnachfolge der Tettnanger Grafen zu belegen. Durch den Bau des Neuen Schlosses, das als „Orgie der Verschwendung“ weithin sichtbar ist, gerieten die Grafen schließlich in Konkurs, der, wie neuerdings nachgewiesen, von den Österreichern gezielt verursacht worden sei, um sich das Gebiet einzuverleiben. So sei das Schloss und vor allem der Bacchus-Saal zu einem spektakulären Denkmal der Endzeit der Grafen geworden, ohne das Tettnang nicht wäre, was es ist, so Elmar Kuhn. Die Familienchronik der Grafen von Montfort sei ein bisher verborgenes, jetzt auch der Öffentlichkeit zugängliches Denkmal.

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