Gastronomie sieht sich als „Teil der Lösung, nicht des Problems“

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Da mögen die Hinweise noch so prominent platziert und die Vorschriften so exakt wie möglich eingehalten sein – an der Schließung
Da mögen die Hinweise noch so prominent platziert und die Vorschriften so exakt wie möglich eingehalten sein – an der Schließung im November ändert dies nichts. (Foto: rwe)
Roland Weiß/Mark Hildebrandt

Was bedeutet die Verschärfung der Corona-Regeln für die Betroffenen in der Gastronomie? Die SZ hat sich bei Wirten in Tettnang und Neukirch umgehört. Allen gemeinsam ist der Gedanke an die treuen Kräfte in Service und Küche, die mit den Häusern unter der Schließung im November (ab Montag) zu leiden haben.

Für Philip Blank vom Hotel Rad ist die Strategie der Regierung nicht ganz nachvollziehbar. Zum einen sei bekannt, dass Restaurants oder Hotels keine Ansteckungsherde seien. Zum anderen fragt er sich, ob es wieder zu Schließungen kommt, wenn nach den Weihnachtsfeiern die Zahl der Coronapatienten wieder steigt: „Man kann ja nicht jedes Mal wieder runterfahren.“

„Der November tut weh“, sagt Blank. Herbst und Winter seien die Hauptzeit, weil die Menschen durch die kältere Jahreszeit wieder lieber ins Restaurant gehen würden. In der starken Sommersaison hätten das Hygienekonzept und die Abstandsregeln gut funktioniert. Im November wird Blank (wie schon im Frühjahr) wieder sogenannte Foodboxen anbieten. Hier können Kunden jeweils ab Sonntag ein Menü vorbestellen, das sie am Freitag oder Samstag abholen und daheim nach Anleitung zubereiten können.

Blank freut sich über den von der Politik angekündigten Ausgleich. Allerdings hofft er, dass das wirklich schnell und unbürokratisch funktioniert. Die Belegschaft geht im November jedenfalls in Teilen wieder in Kurzarbeit.

Auch wenn Blank davon ausgeht, dass er ab Dezember wieder öffnen kann, will er die Foodboxen auch in Zukunft beibehalten. Dies könne auch ein Alternativkonzept für Firmenweihnachtsfeiern sein: Diese könnten so auf diese Art und Weise ein Menü für ihre Mitarbeiter bestellen und dann eine Feier in einem anderen Format organisieren.

Zwiespältig sieht es Fritz Tauscher von der „Krone“: Einerseits sei die Entscheidung „nachvollziehbar“ als ein Versuch, um die Zahlen herunterzuschrauben. „Nicht nachvollziehbar“ ist für ihn der Fokus auf die Gastronomie, die er als „Teil der Lösung und nicht als Teil des Problems“ ansieht. Denn: Aufgrund der eingehaltenen Vorschriften „fühlen sich die Gäste sicher bei uns“.

Was Tauscher mit der RKI-Kennziffer stützt, dass nur zwei Prozent der Infektionen auf die Gastronomie zurückzuführen seien.

Was von der „Krone“ in der Zeit der Schließung angeboten wird – am „Plan B oder C“ werde gerade gearbeitet, so Tauscher. Wie in der ersten Phase der Schließung düften das „Gassenbier“ und der Wurstsalat zum Mitnehmen dabei nicht fehlen.

„Wie die große Mehrzahl der Gastronomen und Hoteliers, ist auch die ,Torstuben’ alles andere als begeistert“, verhehlt Ulrike Schühle nicht. Die Branche habe in den letzten Monaten mehr Auflagen zu erfüllen als alle anderen Industrien.

„Für die Torstuben kann ich behaupten, dass wir alle Hygienevorschriften, Abstandsregeln und die Kontaktdokumentation absolut vorbildlich eingehalten und umgesetzt haben. Wir haben Investitionen getätigt, um die Vorgaben einzuhalten und wir haben die daraus resultierenden Umsatzeinbußen akzeptiert.“

Die jetzige Entscheidung der Regierung sei ein Schlag ins Gesicht und in keiner Weise nachvollziehbar oder argumentativ zu rechtfertigen. „Wenn eine Regierung bzw. deren Rechtsprechung es erlaubt, dass es öffentliche Ansammlungen von mehreren zehntausenden Demonstranten ohne Masken und ohne Abstand geben kann – inklusive Sturm auf das Parlament – dann ist die jetzige Entscheidung mit nichts anderem als bloßer Panik und Einfallslosigkeit zu erklären. Das ist Aktionismus pur ohne Sinn und Verstand“, ist Ulrike Schühles Sicht, die von sich sagt: „Ich bin ein starker Verfechter von Regeln und Vorschriften in dieser Pandemie. Allerdings sollte man diejenigen bestrafen, welche die Regeln nicht einhalten und den Infektionsherd schüren und nicht diejenigen, die damit nachweislich nichts zu tun haben. Das Ganze wird jetzt nicht nur auf dem Rücken der Unternehmer ausgetragen, sondern geht vor allem zu Lasten der Arbeitnehmer in der Branche, deren Lohnausfall niemand in angemessener Weise ausgleicht. Kein einziger Politiker wäre bereit, sein Gehalt freiwillig auf 60 Prozent zu reduzieren aus Solidarität mit denjenigen Menschen, denen sie diese Last jetzt mutwillig aufbürden.“

„Nicht wütend“, aber traurig, dass es trotz all des Einsatzes in den Gasthäusern nicht geklappt hat – das ist Ulrike Speth-Zappone. Viel Energie und Kraft sei in die Erfüllung der Vorgaben geflossen. Was ihr und dem „Adler“ in der Karlstraße gut tut, sei der reichliche Zuspruch, der seit Mittwochabend auf allen Kanälen fließt – „das macht Mut.“

Sicher wieder angeboten wird ein „to go“-Verkauf, der sich in der ersten Schließzeit gut entwickelt habe. An welchen Tagen dies der Fall ist, das werde im „Adler“ derzeit geklärt.

„Natürlich nicht begeistert“ war auch Hardy Seitz, der für den „Ranken“ das Motto ausgibt: „Augen zu und durch“. Der Außer-Haus-Verkauf werde ab nächster Woche wieder ausgebaut, blickt Seitz voraus: Von Mittwoch bis Sonntag lassen sich dann von 11.30 bis 20 Uhr Speisen in dem Gasthaus am Ortseingang von Pfingstweid abholen.

„Wir haben Vorschriften gehabt und die gut eingehalten“, war Robert Bentele von der „Schöre“ guter Hoffnung, dass sich eine Schließung vermeiden lässt und hatte eher mit einer früheren Sperrstunde gerechnet.

Gekommen ist es anders, sodass auch in Dietmannsweiler ab kommender Woche wieder Essen zum Mitnehmen angeboten wird. Was Mittwoch, Donnerstag, Freitag ab 16.30 Uhr sowie am Wochenende mittags und abends möglich ist.

„Ich habe nicht damit gerechnet“, ist Artur Frick-Renz „ein bisschen enttäuscht“ vom Gang der Dinge, der zeigt, wie wenig Lobby die Gastronomie offenbar hat. Zumal der November mit zu den stärksten Monaten in der Branche gehöre. Im „Hirsch“ in Goppertsweiler wird es – beginnend mit dem 7. November – stets am Samstag und Sonntag einen Außer-Hausverkauf geben.

Ganz persönlich wird ihm zudem der Kontakt zu den Gästen fehlen, weiß Frick-Renz schon. Und ganz konkret: Was passiert mit den vielen Martinsgänsen, die er vorbestellt hat? Schließlich sind sie ein Markenzeichen im „Hirsch“.

Die Ambivalenz zwischen „nicht begeistert“ und „mittragen müssen“ herrscht auch bei Birgit Forster vom „Forsters“ vor. Anders als im Frühjahr soll es im ehemaligen „Blasis Grill“ diesmal beim „to go“ keine Abstriche geben. Heißt: Die bisherigen Öffnungszeiten werden ab 2. November beibehalten – und auch das Angebot bleibt in seiner Vielfalt erhalten und werde nicht zurückgefahren.

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