Eintauchen in Gesänge der Renaissance

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Eindringlich singt das Vokalensemble Diapasón in der Schlosskirche Passionsgesänge der Renaissance.
Eindringlich singt das Vokalensemble Diapasón in der Schlosskirche Passionsgesänge der Renaissance. (Foto: Christel Voith)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Zu einem Konzert mit vorösterlicher Vokalmusik der Renaissance hat das Ravensburger Ensemble Diapasón am Samstagabend in die Schlosskirche Tettnang eingeladen. Rund 40 Zuhörer haben das dichte und eindringliche Konzert mit Klageliedern aus dem 16. Jahrhundert verfolgt.

Um den Fluss der Gesänge nicht zu unterbrechen, hat Tenor Harald Ilg-Waßner eingangs in die Werke eingeführt. Die Klagelieder des Propheten Jeremia, die „Lamentationes Ieremiae Prophetae“, haben seit jeher ihren Platz im liturgischen Geschehen der Karwoche. Sie folgen im Alten Testament auf das Buch Jeremia, werden heute aber nicht mehr dem Propheten Jeremias zugeschrieben. Sie beziehen sich ursprünglich auf die Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des Tempels durch Nebukadnezar im Jahre 587 vor Christus, doch wird der Untergang Jerusalems in Beziehung gebracht zur Passion Christi – die in den Liedern ausgedrückte Trauer lasse sich auf jede Trauer übertragen. 350 Komponisten hätten bis heute die Klagelieder vertont, darunter auch Igor Strawinsky.

Die sieben Sängerinnen und Sänger von Diapasón – die Soprane Katharina Richter und Ute Dreher, die Altistinnen Sarah Benkißer und Sünje Groß, die Tenöre Harald Ilg-Waßner und Peter Schmidt sowie Bassist Stephan Bauck – haben sich auf die Komponisten Tomás Luis de Victoria (1548-1611) aus Spanien und Thomas Tallis (um 1505-1585) aus England konzentriert und ihnen zuletzt mit einer Motette von Heinrich Schütz das lutherische Verständnis gegenübergestellt.

Vier- bis sechsstimmig hat Tomás Luis de Victoria, der wichtigste spanische Komponist der Gegenreformation, die Lamentationes gesetzt, prächtige Gesänge am Ende des Zeitalters der Vokalpolyphonie.

Eindrucksvolles Hörerlebnis

Es war ein eindrucksvolles Hörerlebnis, mit welch vollem Klang die sieben Sänger den Raum der Kirche erfüllten mit einem Gesang, in den der Zuhörer sich ganz hineinversenken konnte. Jede Stimme trug für sich und verschmolz doch mit den anderen zu einem verinnerlichten Gesamtklang. Sehr intensiv war die wiederholte Mahnung „Jerusalem, Jerusalem, bekehre dich zum Herrn, deinem Gott“ zu erleben. Dankbar nahm man den Programmflyer an, der den lateinisch gesungenen Texten eine deutsche Übersetzung beigab. Nicht weniger eindringlich klangen die Lamentationes in der Vertonung von Thomas Tallis, der zwar aus der Tradition der anglikanischen Kirche kam, dessen Textauswahl und gewagte Harmonien jedoch auf geheime katholische Privatandachten schließen lassen.

Ganz auf das Passionsgeschehen gingen die Responsorien von Tomás Luis de Victoria ein, die auch einen Wechsel von Männer- und Frauenstimmen brachten und Teile zu größerer Eindringlichkeit wiederholten. Nach Sätzen aus der Trauermotette „Die mit Tränen säen“ zu Psalm 126 von Heinrich Schütz führte zuletzt das „Tantum ergo“ von Victoria voller Mut und Hoffnung zur Erlösung.

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