Einblicke in die russische Mentalität

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Brechend voll ist die Stadtbücherei bei Katja Glogers Lesung zum deutsch-russischen Verhältnis.
Brechend voll ist die Stadtbücherei bei Katja Glogers Lesung zum deutsch-russischen Verhältnis. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Eigentlich findet das Bodenseefestival im Frühjahr statt, in Tettnang hat es erst am Donnerstagabend einen grandiosen Abschluss gefunden – nicht im Bacchussaal, in dem Katja Gloger ursprünglich aus ihrem umfassenden Buch „Fremde Freunde“ über die schicksalhafte Beziehung von Deutschen und Russen lesen sollte, dann aber krankheitshalber verhindert war, sondern jetzt in der schier überquellenden Stadtbücherei, wo sie auf ein sehr interessiertes Publikum traf.

Katja Gloger hat nicht nur russische Gesichte, Politik und Slawistik studiert, sondern arbeitet seit Jahrzehnten als Korrespondentin für ein bekanntes deutsches Magazin. Sie hat die wichtigsten russischen Politiker von Gorbatschow bis hin zu Putin in persönlichen Interviews erlebt, kennt das Riesenland aus eigenem Erleben. Weiblicher Charme, gepaart mit sprachlicher Eloquenz und einem immensen Wissen, das ist in dieser Kombination leider nur äußerst selten zu erleben. Da verzeiht man ihr denn doch gern, dass sie bei Fragen der Zuhörer weit ausholt und vieles in die Antwort hineinpackt. Trotz der zwei Stunden Lesung und Eingehen auf Fragen wird es nie langweilig, sie überzeugt durch ihr souveränes Auftreten. Natürlich fasziniert ihr Detailwissen, doch darüber hinaus gelingt es ihr, die Zuhörer mitzunehmen. Man glaubt dabeizusitzen und das Grauen vor sich zu sehen, wenn sie den 98-jährigen Schriftsteller Daniil Granin 2017 ein halbes Jahr vor seinem Tod interviewt. Er hat miterlebt, wie die Deutschen Leningrad – heute wieder Sankt Petersburg - 872 Tage lang einkesselten, sodass mehr als eine Million Menschen an Hunger sterben mussten. Gloger zeigt die wahren Hintergründe für dieses Kriegsverbrechen und vermittelt die Bedeutung der Aktion für die Beteiligten.

Es gab einen Blick in die russische Seele, die Mentalität überhaupt und in die Machtstrukturen, die für die „Modernisierungsblockade“ verantwortlich sind. Für einige Zuhörer mag es erstaunlich gewesen sein, dass sie deutlich machte, dass die alten Macht-Eliten auch die neuen Macht-Eliten sind und noch immer das Sagen haben, wenn auch unter anderem Namen.

Spannend war ihr Blick auf die historische Dimension der Ära Gorbatschow: „Er hatte die Vision der Blockfreiheit, wollte ein „europäisches Haus“. Auf ein Handelsabkommen mit den USA hoffend habe er der deutschen Wiedervereinigung zugestimmt, denn Russland sei damals vor dem wirtschaftlichen Kollaps gestanden. Nicht minder spannend war Glogers Bericht über Putin, wie er als junger Geheimdienstoffizier in Dresden hilflos erleben musste, wie die Partei, das System, an das er geglaubt hatte, ihn im Stich ließ, als Bürgerrechtler in den Sitz des Geheimdienstes eindrangen.

Die im Anschluss gestellten Fragen tippten noch verschiedene Probleme an und machten deutlich, dass Putins Mentalität für viele ein gefährlicher Unsicherheitsfaktor ist. Gloger hat Putins Stärken wie seine Schwächen aufgezeigt, aber keine Prognose gegeben. Denn ganz so einfach, wie manche Talkshows oder Kommentare es manchmal vorgaukeln mögen, ist es nicht.

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