Ein Kuss vertreibt den Knieschmerz

Lesedauer: 4 Min
Mit Texten und Musik nehmen Rudolf Guckelsberger und Barbara Gräsle die Zuhörer mit auf den Pilgerweg nach Santiago. Am Ende ste
Mit Texten und Musik nehmen Rudolf Guckelsberger und Barbara Gräsle die Zuhörer mit auf den Pilgerweg nach Santiago. Am Ende steht ein gemeinsam gesungenes Pilgerlied. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Zusammen mit Spectrum Kultur hat die Stadtbücherei am Samstagabend unter dem Titel „Auf dem Sternenweg“ zur musikalisch-literarischen Wanderung auf dem klassischen Pilgerweg nach Santiago de Compostela eingeladen. Zwar kamen etwas weniger Gäste als üblich, doch Büchereileiterin Cosima Kehle erklärte, dass bei dem schönen Wetter und wegen der Herbstferien einige wohl selbst auf Wanderung seien.

Der Rezitator Rudolf Guckelsberger, die Stimme des SWR II-Kulturprogramms, hatte vor acht Jahren mit seiner Lesung von Leo Tolstois Erzählung „Die Kreutzersonate“ begeistert, die Gitarristin Barbara Gräsle bei einem Abend über Don Quijote. Als eingespieltes Team haben sie einen Abend geschaffen, der einen mit allen Sinnen mitnahm auf den Weg.

Eine der zahlreichen Routen führt ja auch durch Tettnang, nahe der Stadtbücherei, hinunter an den See. Guckelsberger stellte den „camino francés“, die in den Pyrenäen startende klassische Route durch Nordspanien vor, bei der immerhin über 740 Kilometer zu bewältigen sind. Wenn man den herrlichen Klängen auf Gitarre und E-Gitarre lauschte, vergaß man die Strapazen des Weges. In sich hineinhorchend, begann Barbara Gräsle mit Heitor Villa-Lobos‘ lyrischer Prélude No.1, ließ nach den Leseabschnitten das Gehörte mit überwiegend zeitgenössischen Kompositionen nachklingen. Melancholie und Freude lagen eng beieinander, Musik zum Träumen und Meditieren, Fernweh weckend.

Aus sehr vielen Quellen hat der Sprecher seine Texte geschöpft. Er begann mit einer Passage aus der berühmten „Legenda aurea“ des Jacobus de Voragine aus dem 13. Jahrhundert und erzählte, wie es dazu kam, dass der Apostel gerade dort begraben liegt. Auch andere wundersame Ereignisse kamen an diesem Abend zur Sprache, so das „Wunder von Santo Domingo“ von 1690. Viele haben sich auf den Weg gemacht und ihre Erlebnisse schriftlich niedergelegt. Am bekanntesten ist derzeit Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“.

Eindrucksvoll schildert er, wie hart es ist, ohne das gewohnte Frühstück loszulaufen und statt zur erhofften Bodega zu kommen noch einen großen Umweg in Kauf nehmen zu müssen. Andrea Schwarz berichtet in ihrem geistlichen Pilgertagebuch von ihrem schmerzenden Knie und der Bekanntschaft mit einem Mitpilger, der sie unvermittelt geküsst hat, woraufhin die Schmerzen wie weggeblasen waren. So stand Humorvolles neben Besinnlichem. Zwischen den Texten waren kurze Bemerkungen aus dem „Kleinen Pilger-ABC“ eingestreut, in dem auf humorvolle Weise von Erotik auf dem Pilgerweg bis zu Pflaster Wichtiges und Unwichtiges zur Sprache kommt. Jedenfalls muss es früher viel schwerer gewesen sein, den Weg zu meistern, angefangen bei der Ernährung bis zur Ausrüstung. Vieles hat sich gewandelt, der Jakobsweg – auf welcher Route auch immer – ist längst zum Hype geworden.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen