Ein Geburtstagwochenende mit buntem Kulturmix

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Christel Voith

Wenn die Plätze nur immer so reißend weggingen wie am letzten Wochenende, als Spectrum Kultur in Tettnang sein 60-jähriges Bestehen gefeiert und die Jubiläumsveranstaltungen für einen Euro verkauft hat. In kürzester Zeit waren die 270 Plätze in der Aula des Montfort-Gymnasiums weg, als der schwäbische Kabarettist Bernd Kohlhepp mit seinem Programm „Hämmerle privat“ eingeladen war. Der brauchte kaum den Mund aufzumachen, da gingen die Wellen im randvollen Saal schon hoch.

Zuvor gab es Blicke auf „Spectrum Kultur gestern, heute und morgen“. Markus Schweizer blickte zurück auf die Zeit, als in der neuen Stadthalle Stars aus Theater, Film und Fernsehen zu Gast waren, eine Zeit, die Schweizer als Kartenabreißer erlebt habe. Den zweiten Aufbruch sah er im Start der Galerie im Torschloss, mit Künstlern wie HAP Grieshaber, Hermann Waibel oder Karl Heidelbach. Einen dritten Aufbruch habe es mit dem Ausbau des Rittersaals gegeben, in dem von Anfang an anspruchsvolle Konzerte stattfanden. Seit 2000 stehe das ganze Schloss für Veranstaltungen zur Verfügung, im Rahmen des „Lebendigen Barockschlosses“ würden hier auch Weltstars gastieren. Die neue Stadtbücherei habe einen Raum für Literatur geschaffen, etwa für Lesungen von Bruno Epple, Michael Köhlmeier oder Karlheinz Ott, ebenso seien mit dem KITT auch gute Räumlichkeiten für Film, Kindertheater und Kleinkunst entstanden. Schweizers Wunsch: gut ausgestattete Räumlichkeiten als Chance für Kulturarbeit.

In Vertretung des erkrankten Bürgermeisters lobte sein Stellvertreter Hans Schöpf die heutige Arbeit von Spectrum Kultur, das sich immer den veränderten Anforderungen angepasst habe. Er erinnerte an treue Sponsoren wie ifm electronic und an die lange Tradition der Zusammenarbeit von Amtlichen und Ehrenamtlichen: „Ohne das immense ehrenamtliche Engagement könnte Spectrum Kultur das Programm nicht stemmen.“ Den langjährigen engagierten Mitstreitern Markus und Christina Schweizer und Simone Habeck überreichte Hans Schöpf Blumen, Cosima Kehle würde sie tags darauf bekommen. Als heutige Leiterin von Spectrum Kultur fügte Natascha Bruns Wünsche für die Zukunft an: dass Spectrum so flexibel und unabhängig bleiben und weiterhin auf die Unterstützung von Sponsoren und ehrenamtlichem Team zählen dürfe und die passenden Räume habe für ein Kulturangebot für alle.

Und schon kam Kohlhepp auf die Bühne, erst als „Chauffeur von Herrn Hämmerle“, der mit frecher Gosch das Terrain sondierte, ehe er „the wonderful Hämmerle“ ankündigte, die Kunstfigur, die in zwanzig Jahren zur Kultfigur geworden ist. Und da kam er, mit grasgrünem Jackett, ebensolcher Krawatte und dem obligatorischen schwarzen Hut. Der wollte „ganz Privates“ aus seinem Tagebuch erzählen und zog seine „Daten“ sprich einen Wust von Blättern aus einem Schuhkarton. So schnell wie seine abgeschossenen Wortpfeile war auch seine Mimik: spitzbübisch, betont harmlos, grübelnd, grimassierend oder auch mal heftig gockelnd, als wolle er gleich eine Besucherin in der ersten Reihe vernaschen. Überhaupt die erste Reihe: Da war auch die Schreiberin der Schwäbischen Zeitung vor Kommentaren nicht sicher, noch mehr waren der „Hans“ (Schöpf) und andere dran, ins Programm einbezogen zu werden.

Flink ist er ja, der Hämmerle. Da will er ein paar Stichworte zugeworfen bekommen und baut sie den ganzen Abend gekonnt ins Programm ein. Ebenso ins Programm des Herrn Hämmerle „aus Bempflingen“ eingebaut waren Elvis-Songs und andere Schlager, vergnüglich ins Schwäbische umgetextet. Da wird aus dem armen Gigolo ein stolzer „Gockeler“ und „La Bamba“ zu „Leit, i bin en Schlamper.“ Querbeet ging’s anhand des „geheimen Tagebuchs“ durch die Zeiten, zum ersten Handy, zu Weihnachtsgeschenken und Springerle, zum Weihnachtskarpfen. Bedauern möchte man die armen Männer, die „gehalten werden wie Sklaven“ und der weiblichen Aufräumtechnik kontern müssen. Seine dichterische Ader bewiesen Sprüche wie „Kriegst du den Apfel an die Birne, siehst du am Himmel die Gestirne“. Auch ohne direkte Beschreibung standen peinliche Arztbesuche zum Greifen nah vor Augen. Das Aufbauen des „Drecksglumps“ von Ikea kam ebenso dran wie der makabre Traum vom Besuch des Sensenmanns mit anschließendem Sinnieren über den passenden Spruch auf dem Grabstein: „Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen“. Bei Hämmerle ist es noch lange nicht abgelaufen. Seine Fans genossen den Abend aus vollen Zügen und sangen kräftig mit, wenn es hieß: „Schwäbisch isch wie Rock’n’Roll, es wirkt bei uns wie Alkohol...“ Da passte doch grad sein letzter Song mit dem Refrain „Heidenei“.

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