Drei Sonnen, zwei Abstürze und eine Plage

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Cosima Kehle

Die „Heimattage Argental“ thematisieren Lokalgeschichte in vielfältigen Formaten. Nach Vorträgen ausgewiesener Experten im März diesen Jahres stand am vergangenen Freitag ein junges Mädchen als Rednerin im vollen Saal des Laimnauer Gasthauses „Ritter“.

Markus Brugger aus dem Festkomitee hatte die 14-jährige Michelle Jahnle im Vorfeld dazu ermuntert, ihr Schulreferat über die Geschichte Laimnaus zu einem Vortrag auszubauen. Fachlich beraten durch Konrad Neumann, aber auch mit ganz eigenen Ideen hatte sich die Schülerin ans Werk gemacht. Selbstbewusst und voll jugendlicher Frische nahm sie ihr Publikum auf eine Zeitreise mit. Für ihren etwa 20 Minuten dauernden Vortrag vor fast 90 Besuchern brauchte sie nicht einmal ein Mikrofon. Ihr Vortrag benannte markante historische Ereignisse von der Keltenzeit bis zur Gegenwart. Daneben wartete er mit einer Vielzahl an lebendigen Informationen zur Alltagsgeschichte auf. So sahen die Laimnauer im Jahr 1169 „drei Sonnen“ und dies nicht, weil sie zu tief ins Glas geschaut hatten. Eine entsprechende Luftspiegelung gibt es tatsächlich, wie die Rednerin recherchiert und erläutert hatte. Im Jahr 1311 kämpften die Menschen gegen das Hochwasser und im Jahr 1335 gegen eine Heuschreckenplage. Knapp zwanzig Jahre später, um 1353, zählte das Dorf bereits 100 Häuser und etwa 250 Bewohner. Es war damit ein zu damaliger Zeit ein kleines Zentrum. Zu Zeiten des 30-jährigen Krieges vermerkte der Pfarrer der Gegend in und um Laimnau, dass von 2500 Menschen nur 150 die Pest überlebt haben, so dass man Tiroler zur Neubesiedlung ins Land holte.

Michelle Jahnle berichtete von Kirchen-, Nacht- und Dorfwachen. Letztere holten nach Einführung der Schulpflicht im Jahr 1802 die Kinder aus denjenigen Familien ab, die sie nicht zur Schule gehen lassen wollten oder konnten. Denn Kinder waren wichtige Arbeitskräfte.

Sie erinnerte an die Gründung der Bürgerwehr im Jahr 1840, an die der Musikkapelle Laimnau im Jahr 1781 und an die Eröffnung der Käserei anno 1871. Im selben Jahr wurde aus Spenden auch der erste Sanitätsdienst Laimnaus ins Leben gerufen. Der berühmte Kirchenglockendiebstahl aus dem Jahr 1917 durfte ebenso wenig fehlen wie der Absturz zweier Flugzeuge im Jahr 1934. Ein „erwähnenswertes Ereignis“, wie Michelle Jahnle kommentierte.

Zur wirren Zeit der Reformation wolle sie nicht so viel sagen, erklärte die Schülerin. Dazu gäbe es für Interessierte am 25. Juni in Oberdorf einen eigenen Vortrag, den übrigens kein Geringerer halten wird als der ehemalige Kreisarchivar des Bodenseekreises, Elmar Kuhn.

Ihre Ausführungen belebte Michelle Jahnle mit kleinen Filmszenen, die sie mit ihrer Schwester Emma sowie den Freundinnen Anna und Leonie Brugger aufgenommen hatte. Man sah sie in Fellen bekleidet als Keltenfrauen am Schlipf. „Hier ist es schön, hier bleiben wir“, mögen sich die historischen Vorbilder tatsächlich gedacht haben. Andere Szenen wie beispielsweise die „Sage von Grafenholz“ drehten die vier Nachwuchs-Laimnauerinnen in ihrer heutigen Kleidung. Geschichte und Gegenwart wurden so für kurze Momente eins. Als Kameramann durfte Michelles Vater Lutz Jahnle agieren. „Wir waren an mehreren Wochenenden unterwegs“, sagte er nach dem Vortrag, der mit viel Applaus belohnt wurde. „Michelle, bleib’ dran“, animierte Markus Brugger die Hobby-Historikerin.

Im zweiten Teil des Abends wurde der Blick auf die 1200-Jahrfeier 1968 gelenkt und ein digitalisierter Super 8-Film aus dem Familienbesitz von Walter Rudhard gezeigt. Nicht wenige unter dem Publikum waren damals mit von der Partie, auch einige Besucher aus Oberdorf. Lautes Gelächter ertönte, als der Festumzug im Film drehte und das Dorf nochmals in gegengesetzter Richtung durchschritt. Kennt man diese sehr besondere Spezialität doch aus der alljährlichen Dorffasnet.

„Heimat geht jeden an“, lautete das Fazit von Markus Brugger. Jeder kann darüber sprechen, sei es als Schülerin in einem Vortrag oder indem man Erinnerungen austauscht, die durch den Film geweckt wurden. Dies sei eines der Anliegen, die man mit den Heimattagen verfolge.

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