Die Vision einer europäischen Identität

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Nach dem offiziellen Teil in kleinerer Runde: Interessierte Zehntklässler fragen Norbert Lins nach der Arbeit im und für das eur (Foto: Tanja Buchholz)
Schwäbische Zeitung
Tanja Buchholz

Unterricht der besonderen Art haben 150 Zehntklässler des Gymnasiums bei ihrem EU-Projekt am Mittwoch bekommen: Norbert Lins, Kandidat der CDU für die nächsten Europa-Wahlen und mutmaßlich Nachfolger der derzeitigen Abgeordneten Elisabeth Jeggle, gab den Schülern seine Einschätzung zu aktuellen Themen und beantwortete geduldig viele Fragen. Der 35-Jährige, der unter anderem europäisches Verwaltungsmanagement studiert hat und bereits Büroleiter eines EU-Parlamentarier war, möchte der EU gerne eine neue, greifbare Vision geben, die als Wertegemeinschaft die freie Marktwirtschaft, Rechtsverständnis und soziale Standards nach außen transportieren kann. Sein spürbares Anliegen war es im Vortrag, den bürokratischen Ruf der EU zu verbessern und die entscheidende Bedeutung der europäischen Gemeinschaft für Europa für die jungen Menschen begreifbar zu machen.

Die Schüler hatten mit ihrer Lehrerin Stephanie Westermayer viele aktuelle Fragen vorbereitet. „Zerbricht die EU an der aktuellen Krise?“ lautete der Einstieg. Norbert Lins zeigte sich als Optimist: „Die EU hat sich bisher in Krisen immer weiter entwickelt.“ Er würdigte die großen Anstrengungen der Mitgliedstaaten wie Griechenland, Irland und Portugal, die alles Mögliche versuchten, ihre Krise zu meistern.

Zur Frage nach weitergehender Erweiterung der EU sprach sich Lins dafür aus, dass alle Staaten, die geografisch in Europa liegen, bei entsprechender wirtschaftlicher Leistung und bei gleichen Wertvorstellungen unbedingt eine Beitrittsperspektive bekommen solle. Insofern zeigte er sich glücklich über den Beitritt von Kroatien. Zum Rechtsruck in Ungarn betonte Lins, dass man diese vergleichsweise jungen Demokratien unterstützen und stärken müsse, da es hier noch kein stabiles Parteiensystem gebe und viele Politiker einander noch mit Hass aus der Vergangenheit gegenüberstünden. Als anschauliches Beispiel nannte er die Tatsache, dass Ungarns Regierungschef Orban heute mit Leuten zusammenarbeiten müsse, die ihn einst mit ins Gefängnis gebracht hatten.

Auch zur Frage, ob die Abhöraktivitäten der NSA nun die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen gefährden würden, stellte Norbert Lins beide Seiten dar: „Unter Freunden darf man natürlich die Meinung sagen – Und Spionage können wir in keiner Weise dulden!“ Gleichzeitig stellte er klar, dass die Sache lange noch nicht aufgeklärt sei und das Abkommen große Möglichkeiten für die EU berge, wenn auch noch viele Punkte in den Verhandlungen wie Verbraucherschutz oder Einsatz von Gentechnik geklärt werden müssten.

Durch weitere Nachfragen erfuhren die Schüler auch, dass die EU-Sitzungswoche von Montag bis Donnerstag jeweils von neun bis 24 Uhr mit zwei Unterbrechungen geht und ein Abgeordneter mit allen Terminen schon mit einer 70 bis 80 Stunden-Woche rechnen muss. Ob man als EU-Abgeordneter wirklich Einfluss nehmen kann? Hier schätzt Lins die Mitgestaltungsmöglichkeit in kürzerer Zeit im EU-Parlament größer ein, als sie es im Bundestag wären. Welche Sprache wird im Parlament gesprochen? Zwar dürfe jeder seine Sprache nutzen, in Verhandlungen und Detailarbeit nehme aber nun Englisch wie in der Wirtschaft einen immer größeren Raum ein. „Gibt es eine europäische Identität?“, fragte schließlich eine Schülerin. Es gebe derzeit viele Identitäten, eine echte europäische Identität scheine immer wieder bei Themen durch, die alle interessieren, aber sie sei noch schwach. Diese europäische Identität wirklich entstehen zu lassen, sei eine Vision und ein Prozess über die nächsten Jahrzehnte, so Norbert Lins.

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