Ausstellung: Schwelgen in virtuellen Gärten

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Helmut Voith

Ausstellung in der Städtischen Galerie und im Rathaus bis 1. Dezember. Die Galerie ist Freitag bis Sonntag jeweils 15 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Informationen zum Begleitprogramm gibt es im Flyer zur Ausstellung und im neuen Spectrum-Kultur-Programm.

Eine Vernissage am Spätnachmittag hat es in Tettnangs Städtischer Galerie im Schlosspark zumindest seit vielen Jahren nicht gegeben und dennoch sind am Freitag nicht weniger Gäste gekommen. Allein der Ausstellungstitel „Bin im Garten“ weckt Interesse, man assoziiert Behaglichkeit im Grünen.

Natascha Bruns, Leiterin von Spectrum Kultur in Tettnang, hat als Kuratorin mit neuen Wegen für frischen Wind gesorgt. Kurzfristig wurde eine in der Orangerie geplante Installation zur Ausstellung im Treppenhaus installiert und ist zum Eyecatcher geworden: Ein übergroßes verschlungenes Netzwerk aus teilweise von innen beleuchteten halbtransparenten „Wurzeln“ aus Frischhaltefolie füllt den Treppenhaus-Schacht bis oben.

Die Künstlerin Jenny Winter-Stojanovic sieht in der Folie eine sinnliche, lebendige künstliche Haut. Man verfolgt mit den Augen das langsam gewachsene Kunstwerk bis hinauf in die Galerieräume, vielleicht bis ganz oben, und sinniert über das faszinierende Geflecht, ehe man die Galerieräume betritt.

Im Schlosspark wird es während der Ausstellung eine Installation von Hama Lohrmann geben, Land-Art, der man vom 7. bis 11. Oktober beim Wachsen zusehen kann, also eine Ausstellung „in progress“. Dem gleichen Thema „Garten“ widmen sich Bilder der Tettnanger Künstlerin Marga Schmalzhaf, die parallel zur Ausstellung im Rathaus hängen. Das ist längst nicht alles, denn ein Rahmenprogramm soll noch mehr Leben in das Kunst-Ereignis bringen. Markus Schweizer wird seine Literaturlesungen zur „Blauen Stunde“ fortsetzen, Vernissageredner Florian Arnold aus Ulm wird zum Thema „Garten“ lesen, Biersommelier Lukas Locher wird vor den Kunstwerken Biersorten des Hopfenguts No20 vorstellen, auf Kinder und Jugendliche wartet ein Workshop. Viel Leben, viel Neues, viel Spannendes in Tettnangs Städtischer Galerie.

Schauen wir uns nun in der Galerie selbst um. Zwei Räume gehören der Künstlerin Esther Rollbühler, die aufgrund ihrer MS-Erkrankung bei der Vernissage nicht dabei sein konnte. Umso beweglicher und lebendiger sind ihre kleinen Botschafter: phantasievolle kleine Figuren aus Draht, Pappe oder Plastik, die auf fragilen Drahtbeinchen stehen und bei jedem Lufthauch in Bewegung geraten. Am Boden amorphe Phantasiefiguren aus einem Spezialgemisch aus Pappe, Sand und Holzleim, die an Blütenstempel, Samenkapseln, Larven oder Mikroorganismen erinnern und damit wieder auf den Garten verweisen.

Mitten hinein ins Grün der Gärten führen nebenan die großformatigen Ölgemälde von Anselma Murswiek, darunter ihre Diplomarbeit an der Kunstakademie München. Tritt man einige Schritte zurück, dann glaubt man vor einem Teppich aus grünen Seerosenblättern zu stehen, keine Blüten, nur Blätter. Nur Blätter? Die am Realismus orientierte Malweise beschwört keineswegs Fotorealismus, sondern zeigt, wie spannend die Blätter dank Licht und Schatten, dank der unterschiedlichen Grüntöne sind. Was in der Natur zum Verweilen reizt, fesselt als Kunstwerk den Betrachter. „Naturstudien mit malerischen Mitteln“ nennt es die Künstlerin. Sie gehe jeweils von einem Blatt aus, lasse dann die Komposition wachsen, auch über den Rand hinaus auf eine weitere Leinwand – so entstand das Triptychon „Der unendliche Garten“. Die Künstlerin hat ihren eigenen Weg gefunden, ihre Variationen der Farbe Grün verlockend zu entwickeln, als Antwort auf die Bedrohung der Natur, als Gegenbild zur Verstädterung, die sie in München erlebt.

In seiner Einführung machte Florian Arnold einen Streifzug durch die Geschichte der Gärten und kam natürlich auch zu Monets Seerosen. „Bin im Garten“ assoziiert Entspannung, Erholung und Genuss – Kunstgenuss.

Ausstellung in der Städtischen Galerie und im Rathaus bis 1. Dezember. Die Galerie ist Freitag bis Sonntag jeweils 15 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Informationen zum Begleitprogramm gibt es im Flyer zur Ausstellung und im neuen Spectrum-Kultur-Programm.

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