Atemlos lauscht man dem Oratorium „Paulus“

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Ein grandioses Erlebnis: Unter der Leitung von Georg Grass führt der Kirchenchor von St. Gallus Mendelssohns Oratorium „Paulus“
Ein grandioses Erlebnis: Unter der Leitung von Georg Grass führt der Kirchenchor von St. Gallus Mendelssohns Oratorium „Paulus“ (Foto: Christel Voith)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Zum packenden Erlebnis ist am Sonntagabend Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Paulus“ geworden, das der Chor der St. Gallus-Kirche zusammen mit der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben (KBO) und vier Solisten unter der Leitung von Kantor Georg Grass aufgeführt hat.

Hatte einen zuvor die Länge etwas abgeschreckt, so saß man bald schier atemlos mitten in einem Geschehen, das einen tief hineingezogen und ergriffen hat. Für die eigene Auseinandersetzung des zum Protestantismus konvertierten jüdischen Komponisten mit der jüdisch-christlichen Tradition war Paulus eine wesentliche Figur. So wird dessen Bekehrungserlebnis vor Damaskus zum eigentlichen Kern des Oratoriums. Gebannt hört man zu, wie der Frauenchor die Aufforderung Jesu übernimmt: „Stehe auf und gehe in die Stadt...“ Große Unruhe im Orchester markiert das Erweckungserlebnis, auf das, von Pauken und Trompeten unterstrichen, die zentrale Botschaft folgt: „Mache dich auf, werde licht!“ Verstärkt wird dieses Erlebnis durch den bereits in der Ouvertüre zitierten Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Fast zögernd geht es mit dem Bericht weiter. Demut, Angst, Gottesfurcht und der Ruf nach Barmherzigkeit prägen Paulus’ Arie und doch verrät sie bereits die Entschlossenheit zum Kampf für diesen Gott, der ihn erweckt und zum Werkzeug ausersehen hat. Während der Sopran noch berichtet, wie viel Paulus wird leiden müssen, verspricht das Orchester bereits die künftige paradiesische Seligkeit.

Deutlich wird in der Musik, im Aufbau des Oratoriums der Einfluss der großen barocken Vorbilder Bach und Händel. Wie dort tragen Rezitative die Handlung voran. Spannend ist, wie sie auf Solosopran und Tenor aufgeteilt sind. Arien, Chorsätze und Choräle dramatisieren und reflektieren die Handlung. Erschütternd ist die Parallelität zu den großen Passionen, wenn zu Beginn das Volk der Juden von den angeblichen Lästerungen des Stephanus spricht, wenn es im dynamischen Turba-Chor „Weg, weg mit dem!“ ruft und seine Steinigung verlangt, wenn sich zuletzt der Ruf „Steinigt ihn“ gegen Paulus wendet.

Wie tiefgründig sind dagegen die schlichten Choräle, die lyrischen Chorsätze, die den Glauben reflektieren: „Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Denn ob der Leib gleich stirbt, doch wird die Seele leben“ oder Arien wie die Bassarie des bekehrten Paulus.

Das Oratorium lebt durch die ergreifende Lyrik und packende Dynamik und es steht und fällt mit seinen Interpreten. Und hier war in Tettnang eine wahre Sternstunde zu erleben. Von Anfang an überzeugte der gewaltige Chor, der die unterschiedlichsten Stimmungen so gültig wiedergab, ob er mit dem Volk raste und tobte, ob er mit den Verfolgten litt, mit schlichten Chorälen ergriff oder zuletzt im großen Schlusschor den überwältigenden Lobpreis anstimmte.

Erfreulich gute Verständlichkeit

Ebenso überzeugend interpretierte das KBO unter der Gesamtleitung von Georg Grass die Musik, die auf geniale Weise die barocke Tradition mit ureigener Sprache, mit liedhaften klassisch-romantischen Formen verbindet. Zu den tragenden Säulen zählen auch die Solisten, die sich zum stimmigen Ensemble fügten. Schier unglaublich war die reife, berührende Leistung der 21-jährigen Tettnanger Sopranistin Maria Hegele, die bis zuletzt mit heller, glockenklarer Stimme begeisterte. Mit warmem, innigem Mezzosopran stand ihr die Vorarlbergerin Martina Gmeinder zur Seite, mit lyrischem Tenor führte Marcus Elsäßer durchs Geschehen, mit prägnantem Bariton lieh Christian Feichtmair dem Apostel seine Stimme. Allen gemeinsam war eine erfreulich gute Verständlichkeit.

Großer Dank gebührt Grass, dass er das großartige, viel zu selten zu hörende Werk für Tettnang lebendig werden ließ.

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