Überfälle in Tettnang und Friedrichshafen: Noch kein „lupenreines Geständnis“

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 Der Prozess wird am 16. Januar fortgeführt.
Der Prozess wird am 16. Januar fortgeführt. (Foto: dpa)

Von einem „lupenreinen Geständnis“ ist das Landgericht Ravensburg in einem ersten Rechtsgespräch beim Prozessauftakt ausgegangen – doch was kam, war eher dürftig: Auf der Anklagebank sitzt seit Mittwoch ein 24-Jähriger wegen besonders schwerer räuberischen Erpressung, weil er im vergangenen Jahr ein Fastfood-Restaurant in Tettnang sowie ein Internet-Cafe in Friedrichshafen überfallen haben soll.

Der junge Mann soll am Morgen des 24. Juni gegen 3 Uhr mit Mütze und Brille maskiert ein Fastfood-Restaurant in Bürgermoos betreten haben, die Angestellten mit einer Pistole bedroht und zur Herausgabe von Bargeld gezwungen haben. Mit der Beute – einem Handy und knapp 800 Euro – konnte der Angeklagte fliehen. Nur einen Tag später soll er abends – ebenfalls maskiert – ein Internet-Café in der Schanzstraße in Friedrichshafen aufgesucht und auch hier die Beschäftigten mit einer Pistole bedroht haben. Sein Ziel: Bargeld. Weil sich der Inhaber aber wehrte, flüchtete der damals 23-Jährige bereits nach wenigen Minuten.

Schon kurz nach Prozessbeginn regte sein Verteidiger ein Rechtsgespräch an, in dem die Beteiligten sich über die jeweiligen Standpunkte, die entscheidungserheblichen Rechtsfragen und schließlich auch über einen möglichen Verfahrensausgang austauschten. Während der Verteidiger die Beweislage eher dünn befand, machte Richter Maier deutlich, dass „qualitativ nicht ganz schlechte Aussagen“ vorlägen, zudem gebe es eine Videoaufzeichnung vom „Besuch“ im Internet-Café und ein Gutachten, das Spuren vom Angeklagten am gestohlenen Telefon nahelege. Dennoch fasste der Richter mit Blick auf ein Geständnis zusammen: „Der Schwerpunkt des Falles liegt möglicherweise nicht auf Aspekten der Beweissituation, sondern möglicherweise eher auf der Strafzumessung.“

Dies hänge maßgeblich von einem Geständnis des Angeklagten ab, wie auch der Oberstaatsanwalt betonte. Zudem seien aus seiner Sicht die Folgen der Überfälle für die Opfer derzeit ebenso unklar wie das Motiv zur Tat, sodass ein konkretes Strafmaß zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich sei. „Jetzt legen Sie mal ein frühzeitiges, lupenreines Geständnis dem Ganzen zugrunde“, regte Richter Maier mit einem Schmunzeln an. So einigten sich die Prozessbeteiligten schließlich darauf, das Strafmaß bei einem vollen Schuldeingeständnis und „minderschweren“ Taten zwischen drei Jahren und neun Monaten bis zu vier Jahren und sechs Monaten anzusiedeln. Sollte es sich nicht um minderschwere sondern um besonders schwere Taten handeln, läge das Strafmaß zwischen vier Jahren und drei Monaten bis zu fünf Jahren.

Das „lupenreine“ Geständnis war anschließend jedoch lediglich eine Erklärung des Verteidigers – Nachfragen waren keine zugelassen – der sämtliche Taten der Anklageschrift einräumte und vor allem den täglichen Betäubungsmittelkonsum seines Mandanten in den Vordergrund stellte. Bei der Waffe habe es sich um keine geladene Schusspistole, sondern um eine Spielzeugpistole gehandelt. „Er bedauert das ganze zutiefst und würde das am liebsten rückgängig machen. Er möchte sich deshalb bei den Opfern entschuldigen“, kündigte der Rechtsanwalt an.

Doch auch damit tat sich der Angeklagte letztlich schwer: Nur bei einem der Opfer entschuldigte er sich im Gerichtssaal – nachdem dieses schon fast wieder auf dem Heimweg war. „Es tut mir leid, dass ich Dir so einen Schreck eingejagt habe“, sagte der junge Mann zu dem damals diensthabenen Mitarbeiter des Fastfood-Restaurants. „Ich dachte, das sei Spaß“, beschrieb dieser den ersten Kontakt mit dem Angeklagten. Erst, nachdem dieser ihm die Pistole gegen den Kopf und Arm geschlagen hatte, händigte er dem ungebetenen Besucher sein Handy aus. Äußerlich sei er nicht verletzt worden, allerdings habe er die erste Zeit unter Schlafstörungen gelitten und deshalb keine Nachtschicht mehr übernommen.

„Wie groß war der Täter denn?“, wollte der Richter wissen. „Klein, sehr klein“, sagte das Opfer. Bei den Täterbeschreibungen der Polizei war damals auffällig gewesen, dass die Zeugen den Täter in beiden Situationen als „kleinwüchsig“ beschrieben hatten. Seine Körpergröße gab der Angeklagte am Mittwoch mit 1,68 Metern an.

„Ich schieß dich, ich schieß dich“

Auch das zweite Opfer, der Schichtleiter des Fastfood-Restaurants, hatte unter den Folgen des Überfalls zu leiden. Er händigte dem Täter schließlich das Bargeld aus dem Tresor aus, nachdem dieser ihn mit der Pistole am Kopf bedroht und mehrfach geschrien haben soll: „Ich schieß dich, ich schieß dich.“ Ob er Angst gehabt hätte, fragte der Richter. „Ja natürlich hatte ich Angst – sonst hätte ich ihm doch nichts gegeben.“ Heute vertraue er Menschen nicht mehr so, wie vor dem Überfall, berichtete der 37-Jährige auch heute noch aufgewühlt.

Ob es sich bei der Waffe um eine echte oder eine Spielzeugpistole gehandelt habe, blieb am Ende des ersten Verhandlungstages genauso unklar, wie der Drogenkonsum des Angeklagten. Obwohl er nur rund 500 Euro Verdienst als Kellner gehabt habe, hätte er täglich gekifft und zudem ein Gramm Kokain konsumiert. „Aber ein Gramm kostet mindestens rund 60 Euro. Bei rund 30 Gramm im Monat wären das 1800 Euro – ohne Marihuana“, rechnete Richter Maier vor. An dieser Stelle schwieg der Angeklagte schließlich wieder.

Der Prozess wird am Mittwoch, 16. Januar, um 9.45 Uhr fortgesetzt.

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