Leben auf acht Quadratmetern

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 Ein Blick aus dem Bett im Bulli in Hoddevik in Norwegen.
Ein Blick aus dem Bett im Bulli in Hoddevik in Norwegen. (Foto: Fotos: Patrick Scholz)
Schwäbische Zeitung

Der Salemer Fotograf Patrick Scholz und seine Freundin Lisa Nuber fahren gemeinsam mit ihrem Hund Oskar im VW-Bus durch Europa. Unterwegs unterstützen sie auf verschiedene Weise soziale Projekte. In unregelmäßigen Abständen berichten sie in der „Schwäbischen Zeitung“ von ihren Erlebnissen.

Wir leben nun seit rund anderthalb Jahren in unserem VW Bus. Immer wieder werden uns dieselben Fragen gestellt: Wie könnt ihr euch das leisten? Zu zweit auf so wenig Raum – geht ihr euch nicht ständig auf die Nerven? Leben ohne Kühlschrank, Dusche und Toilette – ihr freut euch sicher wenn ihr endlich wieder eine Wohnung habt, oder? In diesem Artikel versuchen wir, all diese Fragen zu beantworten und euch unseren Lebensstil und die damit verbundenen Schwierigkeiten und Freiheiten etwas näherzubringen.

Lange Zeit zu Reisen bedeutet immer auch, auf vieles zu verzichten und viele Kompromisse einzugehen. Am Ende ist die Entscheidung, diesen Lebensstil zu führen, einfach eine Frage der eigenen Prioritäten.

Immer wieder bekommen wir Sätze zu hören wie: „Wow, das ist so toll, was ihr macht! Da bin ich ja direkt neidisch, das würde ich auch so gerne machen!“. Oder aber: „Ich würde ja auch so gerne, kann aber nicht weil...“

Wenn wir uns daraufhin länger unterhalten, müssen die meisten einsehen, dass sie diesen Lebensstil in Wirklichkeit doch nicht führen wollen, oder aber sich selbst dabei im Wege stehen. Ein Leben im VW Bus, oder auch anders auf Reisen, bedeutet immer Verzicht auf viele Bequemlichkeiten aus dem klassischen Alltag. Da wir keinen Kühlschrank haben, kaufen wir keine schnell verderblichen Lebensmittel oder verbrauchen diese zumindest sehr schnell. Auch kaltes Bier wird zu einer Rarität, in deren Genuss man nur sehr selten kommt. Ebenso muss man sich an die Duschsituation gewöhnen. Um unser Budget nicht zu sprengen, sind wir so gut wie nie auf Campingplätzen. Besonders zur kälteren Jahreszeit bedarf es dann schon einiger Willenskraft, um in einen kalten See oder einen Bach zu springen, um sich zu waschen. Das größte Hindernis stellt für die meisten jedoch die Toilettensituation dar. In unserem Bus haben wir keinen Platz für eine Toilette – da ist dann doch etwas Kreativität gefragt.

All dies stellt einige schon vor die Frage: Wäre das wirklich etwas für mich? Zudem sind viele so sehr verankert in dem klassischen Alltag, dass der Ausbruch aus diesem sehr schwierig scheint. Es ist bequem, sich auf einem „Ich-würde-ja-so-gerne, kann-aber-nicht-weil...“ auszuruhen. Oft ist es jedoch nur die Angst vor dem Unbekannten sowie die Angst vor allen Kompromissen, die man dafür eingehen müsste, die man sich selbst nicht eingestehen will.

Man muss für sich selbst entscheiden, was einem im Leben am wichtigsten ist. Ist es der Job, den man nicht aufgeben will, die Familie oder die Freunde, für die man da sein will, oder ist es eben das Leben auf Reisen. Lassen sich diese Dinge nicht kombinieren, muss man sich entscheiden. Prioritäten setzen.

Ein „Ich-kann-ja-nicht“ gilt in den meisten Fällen nicht. Zumindest nicht in unseren Breitengraden. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, wie man so schön sagt, und wir leben in einem Land wo dieser Satz zu hundert Prozent zutrifft. Also beginne, aus deinen Träumen Pläne zu schmieden, zieh’ sie aus dem Feuer und setze sie um. Oder aber leg’ das Metall erst gar nicht in die Glut. Denn wenn man selbst nicht an die Umsetzung seiner Träume glaubt, für diese kämpft und Opfer bringt, wird es einen unglücklich machen.

Vortrag in Friedrichshafen

Auch wir haben viele Gründe, die wir vorschieben könnten, um zu sagen „wir würden ja so gerne, können aber nicht“. Aber wir haben uns anders entschieden. Wir haben entschieden, dass uns das gemeinsame Leben im Bus, das erkunden dieser Welt, aktuell wichtiger ist als „soziale Verpflichtungen“, als ein Job, bei dem wir viel Geld verdienen, einer komfortablen Wohnung, einem Freundeskreis, von dem man immer umgeben ist. Wir sind glücklich unterwegs und wir können uns vorerst nicht vorstellen, in den klassischen Alltag zurückzukehren. Wir leben unterwegs extrem günstig, verbrauchen pro Person etwa 300 Euro im Monat, inklusive unseren Versicherungen und Sprit. Das Geld können wir von unterwegs verdienen. Mittlerweile fotografieren wir für Fair-Trade und nachhaltig produzierende Unternehmen Klamotten und andere Produkte an den schönen Orten, die wir durch unsere Reise besuchen.

Außerdem berichten wir in Live-Vorträgen von unseren Reisen. Am 2. November wird Patrick beispielsweise seinen Vortrag „Social Cycling – Ein Radreiseabenteuer um die halbe Welt“ in Friedrichshafen auf dem Wunderwelten- Festival zeigen.

Wenn wir in Deutschland in einer Wohnung oder einem Haus mit durchschnittlicher Miete wohnen würden, müssten wir deutlich mehr Geld verdienen. Dadurch müssten wir uns teurer versichern, mehr Abgaben bezahlen und daraus resultierend noch mehr arbeiten, nur um unsere Fixkosten zu decken. Schnell rennt man nur noch zum arbeiten, um sich eine Wohnung zu finanzieren, in der man sich kaum noch aufhält, da man ja ständig zum arbeiten rennt, um die Wohnung zu finanzieren. Das Wohlstands-Perpetuum- mobile des Grauens unserer Gesellschaft. So sehen das zumindest wir. Unsere Devise: Alles Geld, das ich nicht ausgebe, muss ich auch nicht verdienen. Was ich dafür bekomme, ist das größte Gut des Lebens: Zeit für das, was uns glücklich macht. Zeit, die wir gestalten können, wie wir möchten. Wir möchten damit keinesfalls sagen, dass unser Lebensstil der einzig richtige ist. Aber wir denken, dass es wichtig ist, zu tun, was einen glücklich macht und einen erfüllt. Dies kann für den einen bedeuten, einen Job auszuüben, der ihn erfüllt, sich einen Wohlstand zu erarbeiten oder eben einen alternativen Lebensweg zu gehen. Wichtig ist, dass man abends ins Bett geht und sich sicher ist, dass man genau das tut was man möchte und damit zufrieden ist.

Glücklich macht uns neben dem Reisen vor allem die Unterstützung unseres Hilfsprojekts Barnabas Children Center in Kenia. Von unterwegs starten wir immer wieder neue Spendensammelaktionen und besuchen das Projekt vor Ort. So konnten wir in unter anderem ein neues Schulgebäude, sanitäre Anlagen, die Bewässerung für eine Gemüseplantage sowie einen Spielplatz für das Barnabas finanzieren.

Eine Frage ist noch offen: Wie haltet ihr es gemeinsam 24/7 auf so kleinem Raum aus? Eine Frage, deren Antwort natürlich über den Erfolg diesen Lebensstils mitentscheiden kann. Kurz: Es klappt tatsächlich wahnsinnig gut. Wir wissen nicht woran es liegt, aber wir streiten uns eigentlich nie. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns den ganzen Tag sehen und eigentlich ununterbrochen miteinander reden. So stauen sich keine Probleme an.

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