Hunderte Menschen lassen sich für Lucas typisieren

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Ingeborg Wagner

Gestern gab es nur eine Richtung: hin zum Salemer Bildungszentrum. Sämtliche Stellplätze waren zugeparkt, die Menschen standen in einer fast endlosen Schlange vor der Eingangstür der Schule. Bereits vor dem offiziellen Start der Typisierungsaktion für Lucas Tylla waren 300 Blutspenden abgenommen worden. Die Verantwortlichen hatten kurzerhand eine „Narrenstunde“ eingerichtet: So konnten sich die Hästräger schon ab 9 Uhr vor der Fahrt zu den Narrentreffen typisieren lassen.

„Das ist schon außergewöhnlich hier“, sagt Dr. Martina Wanner von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS), als sie sich im Bildungszentrum umblickt. „So etwas erlebt man nicht alle Tage.“ Mächtig was auf die Beine gestellt habe Familie Tylla und die vielen Helfer. Rund 500 sind es, gut zu erkennen an ihren T-Shirts: „Helden für Lucas“, lautet der Aufdruck. Ex-Handballnationalspieler Markus Baur trägt auch eines. Zusammen mit Bürgermeister Härle hat er die Schirmherrschaft übernommen. Sie alle engagieren sich für Lucas. Der Zweijährige ist an Leukämie erkrankt, eine Stammzellenspende soll ihm das Leben retten. Weltweit sind 14 Millionen Menschen in der Spenderdatei registriert. Ein passender Spender für Lucas, sozusagen sein genetischer Zwilling, ist bislang nicht darunter.

Das Gefühl Hoffnung

Und doch ist die Stimmung im Salemer Bildungszentrum fröhlich und ausgelassen. Sie alle eint ein Gefühl: Hoffnung. „Ich drücke Euch die Daumen“, sagt die junge Mutter und gibt Christof Tylla die Hand. Viele Hände schüttelt der Vater von Lucas an diesem Tag. Viel Unterstützung und Mitgefühl erhält er. Lucas ist zusammen mit seiner Mutter Ulrike Tylla zu Hause. Seit Freitag ist der Kleine daheim, noch kuriert Lucas eine Lungenentzündung aus. „Heute ist er eigentlich ganz gut drauf“, findet Christof Tylla. Morgen muss der Zweijährige wieder in die Klinik nach Ulm, die Chemo geht weiter. Wenn die Therapie in etwa vier Wochen abgeschlossen ist, sollte entschieden sein, ob bei der Aktion ein genetischer Zwilling gefunden wurde. „Deshalb auch diese Eile.“

Vor nicht einmal vier Wochen sind Tyllas mit der Geschichte ihres Sohnes an die Öffentlichkeit gegangen. „Abwarten und nichts tun geht in so einer Situation nicht“, sagt Christof Tylla. Zusammen mit den Brüdern seiner Frau, Matthias und Christian Kaczmarek, hat das Ehepaar diese Typisierungsaktion „aus dem Boden gestampft“, wie Tylla sagt. Zu einem Großteil sei es ein Selbstläufer gewesen. Zahlreiche Vereine hätten ihre Unterstützung angetragen – „Ich nenne keinen namentlich, sonst vergesse ich noch einen“ – aber auch jede Menge andere Helfer haben zum Telefon gegriffen und ihre Unterstützung angeboten. „Ich kann es kaum glauben. Dieser Ansturm“, sagt Christof Tylla bewegt. Alle zwei Minuten werden 15 Menschen ins Bildungszentrum eingelassen, sagt Helferin Sonja Reinwald. Von dort geht es in den Aufnahmebereich, wo grundsätzliche Fragen geklärt werden: „Kann ich überhaupt mitmachen?“

Nein bei Rheuma

Dr. Martina Wanner wird gleich von mehreren Seiten bestürmt. Ist es okay, wenn man Schilddrüsentabletten einnimmt? Kommt drauf an: Unter- und Überfunktion sind kein Problem, bei Hashimoto geht es nicht. Nein heißt es auch bei Rheuma oder der Einnahme von Antidepressiva. Der junge Mann, der wegen seines allergischen Asthmas abgelehnt wurde, darf nun doch zur Typisierung. „Setzen Sie sich da hin“, sagt Martina Wanner. Jetzt, kurz vor 12 Uhr, sind bereits 2000 Menschen typisiert worden. Und die Helfer können erstmals durchatmen: Es ist Mittagessenszeit, die Schlange vor dem Eingang hat sich deutlich verkürzt.

Nach Unterzeichnung der Einverständniserklärung müssen sich die Menschen wieder einreihen, hin zur Zwischenkontrolle. „Das ist großartig organisiert hier“, findet Renate Nitsche aus Markdorf, die auf die Blutabnahme wartet. Fünf Milliliter werden abgezapft, ehe es mit dem Blutröhrchen zur Abgabe und Endkontrolle geht. Hier muss die Schlange der Wartenden einen Bogen machen: Ein junger Mann ist umgekippt und wird von den Sanitätern per Trage abgeholt. „Nicht schlimm“, tröstet eine Mutter ihr Kind. „Dem Jungen ist nur schlecht geworden.“

Dorle Schüle hat ihren kleinen Info-Tisch im Eingangsbereich des Bildungszentrums postiert. Zusammen mit ihrem Mann hat die Sipplingerin Flyer für die Typisierungsaktion verteilt und in Kinderarztpraxen ausgelegt. „Ich fühle mich mit Familie Tylla verbunden. Wir sind froh, dass wir etwas machen können“, sagt sie. Ihr Sohn Liron war im selben Alter wie Lucas, als er an Leukämie erkrankte.

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