Für Lucas beginnt die entscheidende Phase

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Süßer, kleiner Fratz: Die für mehrere Wochen letzten Tage im Garten seiner Lieblingsnachbarn genießt Lucas, wie man sieht, in vo
Süßer, kleiner Fratz: Die für mehrere Wochen letzten Tage im Garten seiner Lieblingsnachbarn genießt Lucas, wie man sieht, in vo (Foto: li)

Lucas strahlt übers ganze Gesicht, als er dem Besuch von der Zeitung seinen ganzen Stolz präsentiert: den neuen Traktor, den er am Tag zuvor geschenkt bekommen hat. Der Zweieinhalbjährige brabbelt munter drauflos: „Der hat eine Schaufel. Und einen Anhänger.“ Wer den kleinen, fröhlichen Knirps beim Spielen in Nachbars Garten beobachtet, würde nie im Leben darauf kommen, dass mit Lucas etwas nicht stimmt. Dass seine Mama ständig darauf achten muss, dass Lucas sich beim Spielen keine Schürfwunden zuzieht oder einen vermeintlich harmlosen Schupfen einfängt. „Sandkasten, Planschbecken, spielen mit anderen Kindern – fast alles, was ihm Spaß macht, ist zurzeit nicht möglich, oder nur sehr eingeschränkt“, erzählt Ulrike Tylla. Denn jede Infektion könnte fatale Folgen für den kleinen Jungen haben, der mit seiner Mama seit vier Wochen fast täglich zur Chemotherapie nach Ulm fährt, damit die Krebszellen nicht zurückkehren in seinen kleinen Körper.

Seit vergangenem Freitag steht endgültig fest, dass bei der größten Typisierungsaktion in der Geschichte der Deutschen Knochenmarkspenderdatei am 27. Februar in Salem kein Stammzellspender für Lucas dabei war. Ein solcher ist aber erforderlich, um die Leukämie zu besiegen, die bei dem Jungen aus Mimmenhausen im Januar dieses Jahres zum zweiten Mal ausgebrochen war. Nun tritt Plan B in Kraft: Am 26. Mai werden Lucas Stammzellen seines Vaters Christof transplantiert. Bei einem optimalen Spender, einem genetischen Zwilling, würden zehn der sogenannten HLA-Merkmale mit denen von Lucas übereinstimmen, bei seinem Vater sind es nur drei. „Die Ärzte sagen, dass die Chancen bei 50 zu 50 stehen“, sagt Ulrike Tylla. Hoffnung machen die beiden Kinder, bei denen das noch relativ neue Verfahren bislang angewandt worden ist. In beiden Fällen hat es funktioniert. Ein älteres Verfahren lasse sich heute nicht mehr anwenden, weil die Pharmaindustrie ein dafür erforderliches Medikament nicht mehr herstelle, so Tylla.

Heute wird Lucas mit seiner Mama erneut nach Ulm fahren – und für zwei bis vier Monate dort bleiben. In einem absolut sterilen Glaskasten. „Das ist notwendig, weil sein Immunsystem auf Null heruntergefahren wird“, erklärt Ulrike Tylla. Die vorbereitende Chemo habe er bislang ganz gut vertragen. „Er geht gestärkt in die Transplantation“, sagt sie. Die entscheidende Frage wird nach dem 26. Mai sein, ob Lucas‘ Körper die Stammzellen seines Vaters annimmt und auf dieser Basis allmählich damit beginnt, neue Zellen aufzubauen, oder ober er sie abstößt. In diesem Fall müsste das Prozedere nochmal von vorne beginnen – mit Stammzellen der Mutter.

Ulrike Tylla wird die ganze Zeit über an Lucas‘ Seite sein, mit Schutzanzug, Mundschutz, und Handschuhen. Lediglich nachts darf sie nicht bei ihrem Sohn im Glaskasten bleiben. Auf das, was in den nächsten Wochen auf ihn zukommt, hat sie Lucas bereits vorbereitet. „Er versteht das auch schon. Dadurch, dass er fast nur Kontakt zu Erwachsenen hat, ist er in seiner Entwicklung sehr weit. Das erkennt man auch daran, dass er bereits in ganzen Sätzen spricht“, sagt Ulrike Tylla.

Ein tiefes Bedürfnis ist es ihr und ihrem Mann, all jenen von ganzem Herzen zu danken, die in den vergangenen Wochen so intensiv Anteil am Schicksal des keinen Lucas genommen haben. Den mehr als 8000 Menschen, die sich für ihn haben typisieren lassen, den vielen Helfern und Unterstützern bei der Typisierungsaktion, den unzähligen Vereinen, Firmen, Gruppen und Privatleuten, die Geld gespendet haben, den fremden Menschen, die Briefe oder E-Mails geschickt haben, Kindern, die Bilder für Lucas gemalt haben und, und, und. „Niemals hätten wir mit einer solchen Welle der Hilfsbereitschaft gerechnet, für die ich keine Worte finde“, sagt Ulrike Tylla. Leider könne sie nicht jedem persönlich danken, „weil wir zum Teil gar nicht wissen, wer was gemacht hat. Von manchen Aktionen haben wir erst aus der Zeitung erfahren.“

Noch während des Gesprächs mit der SZ klingelt es an der Haustür. Davor steht ein Mann aus Bonndorf. Er drückt Ulrike Tylla einen Briefumschlag mit 50 Euro in die Hand. „Das ist für Lucas.“ Mit seinen beiden Enkelkindern habe er am 1. Mai kleine Maiglöckchensträuße gebunden und sie an der Straße verkauft. Um Geld für den leukämiekranken Jungen aus Mimmenhausen zu sammeln. Ulrike Tylla ist gerührt: „Da weiß man gar nicht, was man sagen soll.“

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