Die Kolchose sorgt für kollektives Kopfnicken in Salem

Lesedauer: 5 Min
Florian Bührer

Als Freundeskreis vermischten Max Herre, Don Philippe und DJ Friction am Freitagabend auf Schloss Salem Jazz, Reggae und Soul mit Hip-Hop und ließen so manchen Besucher in Erinnerungen schwelgen. Mit dabei waren Herres Frau und Soul-Königin Joy Denalane und die Rapper Afrob und Megaloh.

Mittlerweile ist es fast 20 Jahre her, dass die Stuttgarter mit „Esperanto“ dreisprachig aus einer globalisierten Welt berichtet haben, in „der drei von vier am Existenzminimum leben. Sie waren die Stimme einer Generation, die „mit Intifada-Schal und Army-Parka“ auf die Straße ging“. So beschreiben sich die drei selbst. Wer damals im Stuttgarter Kessel nicht miterlebt hat, wie das Trio Reggae-Samples mit kritischen Texten zu einer schlüssigen Lebenshaltung kombinierte, der bekam nun ein Gefühl davon. Als in Salem die ersten Töne von „Esperanto“ erklangen, konnte Herre ein glückliches Grinsen nicht verbergen. Freundeskreis hat die Botschaft über Stuttgarts Hügel in die Welt „gespreadet“.

„Das ist für die Heads, die Raps aus 0711 lieben“ rappt er. Noch reagiert das Publikum zögerlich. „Habt ihr Bock auf ein Hip-Hop-Konzert“ , fragt Herre. Statt Rucksäcken und Baseball-Caps tragen die Besucher heute Turnbeutel und Männerdutts, statt Skateboards unter dem Arm haben nun manche den Kinderwagen vor sich. „Max, was geht ab? Hast du Bock“, fragt Afrob. Und wie dieser Bock hat. Beide feuern „Reimemonster“ ab. Einen der größten Klassiker des deutschen Raps erklingt. Und das Publikum nickt im Takt mit. Als es allmählich dunkel wurde, droppte ein bekannter Beat und so mancher fühlte sich in das Jahr 1999 zurückversetzt. „Nass bis auf die Haut, so stand sie da.“ Max besingt ein zufälliges Rendezvous mit Anna. Seiner Traumfrau, die auch noch Hip-Hop hört. „Ich fänd es schön, mit dir auszugeh’n. Könnt mich dran gewöhn' dich öfters zu seh’n, rappt Max, und es scheint, als kenne jeder im Publikum eine Anna. „Wir springen auf den Refrain wie bei einem Hip-Hop-Konzert“ ruft der „Regenmacher“ Megaloh. Und das Publikum folgt dem Gast aus Berlin-Moabit. „Immer wenn es regnet, muss ich an dich denken“, schallt es von der Bühne und im Publikum sind alle Hände in der Luft.

„Willst du mich nur haben um dein’ Homies davon zu erzähl’n“ fragte Joy. Das Publikum scheint auf diese Frage gewartet zu haben. Wie auf Kommando bewegen viele Paare ihre in sich verschlungenen Körper im Rhythmus zu „Mit dir“. Max und Joy tänzelten wie zwei frisch Verliebte über die Bühne, dass man glauben konnte – oder wollte – , es sei möglich, nach fast 20 Jahren Beziehung mit Pause noch glücklich wie am ersten Tag zu sein. Plötzlich ertönt Udo Lindenberg aus den Boxen. Max Herres großes Vorbild. Es ist dieser Moment, an dem er seinen strengen Lehrerfinger erhebt. „Stell dir vor es gibt kein Asyl, weil kein Grund zu fliehen. Stell dir vor du kannst Deutsch und trotzdem Türke sein“ ruft er. Zeilen aus dem Jahr 1999 aus dem Song „Nebelschwadenbilder“, die im Jahr 2018 schmerzlich aktuell sind. Max, der politische Rapper und Soul-Guerillero. Das Publikum nimmt es hin und jubelt wenig später über die Zeile „Stuggi holt die Meisterschaft“.

„War nie der Jesus, nie euer Petrus/Kein Genius, einfach nur Rapper mit Ethos/War nie nur ein intelelektueller kleiner Studi-Futzke/Fakt ist: War an der Uni, macht mich nicht zu Rudi Dutschke/Waren einfach nur die coolsten Rapper und Producer/Weil wir den Mund nicht halten, galten wir als Revoluzzer“, reimte er in „FK10“. Mit dem Ton-Steine-Scherben-Cover „Halt dich an deiner Liebe fest“ endete der Abend.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen