Wortfront schreibt Glück mit spitzer Feder

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Roger Stein und Sandra Kreisler bringen Musik- und Sprachkunst von der Wortfront auf die Bühne der Mühle.
Roger Stein und Sandra Kreisler bringen Musik- und Sprachkunst von der Wortfront auf die Bühne der Mühle. (Foto: gsb)
Gudrun-Schäfer-Burmeister

Mehr als ein halbes Jahr ist es her, dass im Kulturhaus Mühle in Oberteuringen die letzte Veranstaltung stattgefunden hat. Ein wenig feierlich und zaghaft wirken die Menschen, die am Samstagabend zur Auftaktveranstaltung des zweiten Halbjahrs 2020 gekommen sind, nachdem die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 den Kulturbetrieb in natura vollständig lahmgelegt haben. Das Ambiente der „Mühle“ erlaubt auch bei 40 Gästen, die meist paarweise an Bistrotischen sitzen, sich mit Abstand wohl zu fühlen und bietet gute Sicht auf die Bühne. Irmgard Dollansky vom Mühlenteam drückt es so aus: „Schön, dass der Saal voll ist, auch wenn er nicht voll ist. Wir sind wirklich froh, dass Sie alle da sind!“

„Glück“ heißt das Programm, mit dem das Duo „Wortfront“, bestehend aus Sandra Kreisler und Roger Stein, die Gäste unterhält. Alle Texte und Kompositionen stammen von Roger Stein, der außerdem singt, rezitiert und für die musikalische Begleitung am Flügel sorgt. Er scheint für die leiseren, persönlichen Töne zuständig zu sein, während Sandra Kreisler mit ihrer warmen, volltönenden Stimme die lautere und darstellerisch extrovertierte Bühnenpräsenz verkörpert. Aufmerksam lauscht das Publikum und lässt sich von den Melodien und Rhythmen an die Texte führen. Diese sind hintergründig, satirisch, wortgewaltig, gesellschaftskritisch, humorvoll und geistreich und halten ihren Mitmenschen den Spiegel vor. Zwischen Hip-Hop-Sprechgesang und Chanson-Balladen pendeln die musikalischen Richtungen und unterstreichen die vorgetragenen Inhalte. „Ich brauch‘ Zeit“ singt Kreisler begleitet vom lauten Ticken eines Metronoms und vom Herzschlag imitierenden Klavierspiel Steins. Restzeit und Rastzeit, um nicht an allem Schönen nur vorbeizuhasten. „Wir brauchen Zeit, nicht Ewigkeit.“ Jung, dynamisch, begeisterungs- und teamfähig habe hingegen der zeitgemäße Prototyp zu sein, ein „postmodernes Arschloch“, das in jedem drinsitze. Die Überwachung durch Gratis-Apps ist Thema sowie das Sich-Verstellen, um nicht mehr erkennbar zu sein, bis man sich selbst nicht mehr traut und einsieht, dass es besser ist, überwacht zu werden. Leise, zarte Klaviertöne folgen und Kreisler widmet sich mit kraftvoller Stimme der Frage, woran man Glück misst.

Bedauerlicherweise fühlt sie sich bei dieser Darbietung gestört und wettert gegen „störende Fotografen, die bei den stillsten Stücken aggressiv mit Blitzen“ fotografierten. Die angesprochenen Personen wirken irritiert, einen Blitz hat keine von ihnen verwendet. Allerdings machten die Auslöser tatsächlich Klick-Geräusche, aber dank Kreislers Hinweis, man solle sich doch besser geräuschlose Kameras kaufen, sich von nun an still hinsetzen und die Maske ausziehen, wissen die Angesprochenen, was sich gehört.

„Die Wiener sind freundlich“, beginnt Steins Überleitung zu den Wohnort- und Herkunftsbezügen der Beiden. Der Schweizer und die in München geborene Amerikanerin haben sich in Wien kennengelernt, leben seit einigen Jahren in Berlin-Kreuzberg, „wo die Autos brennen.“ Dass Kreisler die Tochter des Künstler-Ehepaars Georg Kreisler und Topsy Küppers ist, wird an diesem Abend nicht angesprochen, dürfte den meisten Anwesenden jedoch werbewirksam bekannt sein.

Auf Steins Biografie fällt ein wenig Licht in einem Rap über seinen Großvater Fritz, den Bergbauern, der besser mit Pferden als mit Menschen konnte.

Melancholisch schön besingt Kreisler die beginnende Jahreszeit. „Herbstmanöver – versperrt sind Tür’n und Gärten … der Alltag kommt klar und hart von vorn.“ Witzig ist der lyrische Wettstreit zwischen Schiller und Goethe übers Grillen, giftig sind die Auslassungen über Regeltreue und Prinzipien als Exportartikel „made in Germany.“ Die Zugabe handelt davon, dass in manchen Situationen zwar der Wortschatz wachse, man aber mit dem Mittelfinger besser formulieren könne. Kreisler hält eine Papphand mit ausgestrecktem Mittelfinger in die Höhe und wendet sich nochmal an die „Presse“: „Jetzt könnte man ein Foto machen.“

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