„Wir sind ganz normale Nachbarn“

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Seit Juli 2018 leben und lernen Menschen mit Behinderung Mitten in der Gemeinde Oberteuringen und damit auch Mitten in der Dorfgemeinschaft. Die Stiftung Liebenau bietet hier 18 gemeindeintegrierte Wohnplätze in einem Wohngebäude im Neubaugebiet Bachäcker und zwölf Plätze im Bildungs-, Begegnungs- und Förderzentrum (BBF) an. Das Projekt gilt als wegweisend im Bodenseekreis. Wohnhaus und BBF sind am vergangenen Freitag offiziell eingeweiht worden.

„Es hat sich sehr normal angefühlt“, sagte Prälat Michael Brock, der Vorstand der Stiftung Liebenau, darüber, dass Menschen mit und ohne Behinderung am Freitagmorgen zusammen ein Stück durch Oberteuringen gegangen sind. Und damit sei schon das Wichtigste erreicht, sagte Brock, „dass man sich angekommen fühlt“. Zusammen mit dem evangelischen Pfarrer Rainer Baumann hatte Brock das Gebäude vormittags gesegnet. Am Nachmittag folgte dann die offizielle Schlüsselübergabe durch den Architekt Eckard Ernst an die Stiftung Liebenau und eine Feierstunde.

Die Idee, Inklusion mitzudenken bei der Gemeindeentwicklung, sei in Oberteuringen auf fruchtbaren Boden gefallen, sagte Jörg Munk, der Geschäftsführer der Liebenau Teilhabe. Sowohl beim früheren Bürgermeister Karl-Heinz Beck als auch dem Gemeinderat, als es seit 2013 um das Engagement der Stiftung Liebenau in Oberteuringen ging.

„Der Bodenseekreis hat sich das Thema Inklusion auf die Fahne geschrieben“, sagte Sozialdezernent Ignaz Wetzel. „Wir wollen inklusiver Landkreis werden.“ Es stünden noch viele Projekte an. In Oberteuringen habe man die Chance genutzt, „sie sind die Blaupause“, sagte Wetzel.

„Die Fachwelt blickt nach Oberteuringen“, sagte auch Christine Beck von der Geschäftsführung der Liebenau Teilhabe, die die Gesprächsrunde leitete. Oberteuringens Bürgermeister Ralf Meßmer erzählte dabei, wie das Thema Inklusion im Alltag in Oberteuringen umgesetzt wird. Etwa beim Projekt Oberteuringen tanzt oder wenn Menschen mit Behinderung für das Café im Haus am Teuringer die Einkäufe erledigen.

18 Wohnplätze

„Das ist die Zukunft, so sollten Menschen mit Behinderung leben, in einem ganz normalen Umfeld“, sagte Markus Schababerle (58), der seit rund 40 Jahren im Bereich Teilhabe arbeitet und jetzt das Projekt BBF im Haus am Teuringer leitet. „Man kann es nicht besser machen“, sagt er zum Wohnhaus in Oberteuringen und zum BBF im Haus am Teuringer. Unter dem Motto „gemeindeintegriertes Wohnen“ bietet die Stiftung Liebenau 18 vollstationäre Wohnplätze für Menschen mit einer geistigen und/oder mehrfachen Behinderung in einem Gebäude mitten im Neubaugebiet Bachäcker in Oberteuringen an. „Wir sind hier ganz normale Nachbarn“, sagt Schababerle.

Im BBF im Haus am Teuringer gibt es zwölf Plätze für Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf, die hier laut Stiftung eine verlässliche Tagesstruktur mit einer ganzheitlichen Förderung erhalten. „Nicht alle kommen aus dem Wohnheim“, sagt Schababerle, momentan seien es neun oder zehn. „Zwei Plätze haben wir reserviert für Menschen, die in Oberteuringen leben oder in Markdorf.“

Durch ein Kurssystem haben die Menschen laut Stiftung die Möglichkeit, selbstbestimmt ihren Tagesablauf zu gestalten. „Die Menschen sollen etwas erleben und auch im Bereich Bildung noch weiterkommen, auf dem Niveau, das sie hinbekommen“. Die Arbeitsbereiche der angebotenen Workshops seien nach Themen eingeteilt: Kreativität, Bildung und Forschung, Bewegung und Mobilität, Meditation und Musik. Im BBF werden Bilder gemalt, Lesezeichen gebastelt oder leckeres Essen gekocht.

Für die beiden Bereiche Wohnen und BBF arbeiten 20 Mitarbeiter der Stiftung Liebenau in Oberteuringen.

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