Nach der Bürgerversammlung brennt’s

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Schwäbische Zeitung

Dass nur wenige Stunden nach einer relativ ruhig und friedlich verlaufenen Bürgerversammlung, bei der das Thema Flüchtlinge und Asyl einen breiten Raum einnahm, eine Unterkunft brennen würde, hätte sich Bürgermeister Karl-Heinz Beck nicht träumen lassen.

Entsprechen geschockt war er als er am Dienstagmorgen von Polizei und Feuerwehr benachrichtigt wurde. Nicht nur er ist in Sorge: Gemeinderäte, Ehrenamtliche, Pfarrer und alle Oberteuringer guten Willens zeigen sich beunruhigt.

Zusammen mit dem Finanzdezernenten des Landkreises, Uwe Hermanns und dem Sachgebietsleiter Asyl, Yalcin Bayraktar, informierte Beck die rund 200 Bürger am Montagabend im Saal der Post über das, was auf die Gemeinde zukommt. Der Bürgermeister holte weit aus und stellte das Szenario, wie es jeder wache Bürger derzeit erlebt vor Augen. Krisen und Kriege im Mittleren und Nahen Osten, in Afrika und wirtschaftliche Not haben zu einem bisher nicht gekannten Ausmaß an Flucht geführt. Städte und Gemeinden seien völlig überlastet. Dabei wäre es illusorisch zu glauben, dass die Flüchtlingsproblematik nur kurzfristig dauert. Notwendig sei ein strategischer Masterplan, der es auch für die Bürger nachvollziehbar macht, „dass wir diese Herausforderung bewältigen können“, sagte Beck.

Die 47 Asylbwerber, die ab Ende November in die ehemalige Fabrikhalle im Gewerbegebiet Neuhaus einziehen sollen, sind Teil dieser Herausforderung, aber die werde man bewältigen. 20 Asylbewerber wohnen bereits in Häusern in Unterteuringen und Bitzenhofen. Ein weiteres von Haus mit drei Wohnungen an der B 33 in Neuhaus wird über den Winter ausgebaut. Die Fabrikhalle in der Benzstraße wird seit mehreren Wochen bereits als Möbellager für Gemeinschaftsunterkünfte genutzt. Der Einbau von insgesamt 18 Zimmern ist beinahe abgeschlossen. Bis jetzt sei die Halle so ausgelegt, dass für jeden Bewohner sieben Quadratmeter zur Verfügung stehen, sagte Hermanns. Dass irgendwann der in Gemeinschaftsunterkünften übliche Schlüssel von 4,5 Quadratmeter angewendet werden könnte und damit mehr als 47 Menschen dort untergebracht werden, wollte er nicht ausschließen. Auszuschließen ist in der angespannten Lage offenbar gar nichts mehr. Die Zahlen, die der Landrat noch vor Wochenfrist nannte, seien schon wieder überholt. 1600 Plätze in Gemeinschaftsunterkünften fehlten im Bodenseekreis bis März 2016, hatte Lothar Wölfle den Bürgermeistern vorgerechnet. Turn- oder Mehrzweckhallen seien zwar die schlechteste Lösung, aber die letzte Möglichkeit. Eine Fabrikhalle sei zwar auch nicht ideal, aber immer noch besser, denn satt losen Stellwänden, verfüge sie über Zimmer mit festen Wänden. Es gebe Küchen, sanitäre Anlagen, Duschen und einen Aufenthaltsraum.

Bei der Belegung werde man darauf achten, dass Menschen gleicher Herkunft und gleichem kulturellem Hintergrund hier zusammenleben. Das Betriebskonzept sieht nach Auskunft von Bayraktar, eine Heimleitung vor. Eine Fachkraft für Hauswirtschaft mache mit den Bewohnern Reinigungspläne. Es gebe einen Hausmeister, Sozialarbeiter, die regelmäßig vor Ort sind und einen Sicherheitsdienst. Bei der Fragerunde kamen zuerst eher kritische Stimmen auf. 70 Prozent der Flüchtlinge seien junge Männer, wie könne es dann sein, „dass man uns Familien verspricht“, fragte ein Teilnehmer. Gar nichts habe man versprochen, sagte der Bürgermeister. Ob Männer, Frauen oder Kinder - jeder der die Heimat aufgegeben hat, habe in der Regel ein schweres Schicksal hinter sich.

Zwischenrufe verhallen

Zwischenrufe, wie „setzt sie doch einfach vor die Tür“, drangen zwar nicht durch den Saal, waren aber an Nachbartischen nicht zu überhören. Eine Gruppe von Bürgern, die bereits in der Gemeinderatssitzung im Juli für eine aufgeheizte Stimmung sorgte, kam an dem Abend nicht so recht zum Zug. Ihre Fragen zum Wachdienst, zu Beschäftigungsmöglichkeiten und zu der Gefahr, dass IS-Kämpfer sich unter die Flüchtlinge mischen könnten, wurden nicht zu ihrer Zufriedenheit beantwortet. Sichtlich aufgebracht verließen sie nach dem Tagesordnungspunkt den Saal. Die Aussage von Gemeinderat Wolfgang Metzler - „es kommen Menschen, nicht Monster“ - und das Plädoyer eines Mitglied aus dem Helferkreis sorgten für einen versöhnlichen Abschluss: „Die Lage ist schwierig, aber helfen Sie mit, wir machen das Beste draus“. Vor allem: „Schauen Sie vorbei und heißen sie die neuen Bürger willkommen“.

Brennendes Flüchtlingsheim
Polizei ermittelt
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