Mike Jörgs satirischer Rückblick soll wachrütteln

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 Mike Jörg blickt mit „Wahr was“ in der Mühle in Oberteuringen satirisch auf das vergangene Jahr zurück.
Mike Jörg blickt mit „Wahr was“ in der Mühle in Oberteuringen satirisch auf das vergangene Jahr zurück. (Foto: Felix Kaestle)
Felix Kästle

Staubtrocken, gespickt mit Fakten, meist humorlos, doch skurril: So hat Satiriker Mike Jörg am Samstag aufs Vorjahr geblickt. Wa(h)r was? hat sich der ehemalige Studentenseelsorger in der Mühle in Oberteuringen gefragt. Und ob! Amerika wählte einen Psychopathen. Mord liegt im Trend. Und offenes WLAN führt zur Hirnverschmutzung.

„In New York ist es eiskalt und es schneit. Wir brauchen die globale Erwärmung.“ Mit diesem Spruch hat sich Trump im Vorjahr auf die Comedybühne der Welt getwittert. Ein Witz? Nein, todernst war das wohl gemeint. Mike Jörg setzt vor rund 50 Zuhörern dem größenwahnsinnigen Blondschopf noch die Krone auf. „Und Gott sprach, es werde Trump. Und es ward Trump. Und Gott sah, dass es Trump war.“ Ein leises Lachen geht durch den Raum. Das ist selten bei Jörgs spöttischer, stets kritischer und teils sarkastischer Rückschau.

Über Monate hinweg studierte der diplomierte Theologe und Realschullehrer die Meldungen der Welt, trug zusammen, wertete aus. „Das Material von einem Monat reicht für eine zweistündige Show“, sagt Jörg während der Pause in der Garderobe. „Pause? Brauche ich nicht.“ Mike Jörg begreift sich als kritischen Christen, dem die Umwelt, die Schöpfung am Herzen liegt. „Wenn wir so weitermachen, fahren wir die Erdkugel an die Wand.“ Freilich nur sinnbildlich.

Die Kommandobrücke der Welt

So schnell wie es in Jörgs Hirn rattert, so flink huscht er von Thema zu Thema. „Offenes WLAN ist eine Form von Hirnverschmutzung. In der Pause kamen 14 Nachrichten per WhatsApp. Ich werde alle ungesehen löschen. Schon geht’s weiter im Programm. Die Fakten überschlagen sich. „Der afrikanische Staat Niger könnte sich mit seinem Bruttosozialprodukt gerade mal fünf Mal den Fußballstar Ronaldo leisten. Der Handelsriese Walmart hat einen Handelsumsatz wie das Land Österreich. Und der Familie Schlecker steht nach dem Gerichtsurteil 70 000 Euro pro Monat zu. Das hat zwar alles keinen wirklichen Zusammenhang. Doch mit Blick drauf brennen Mike Jörg zwei Fragen unter den Nägeln. „Wer steht da auf der Kommandobrücke der Welt? Und sind wir alle nur Marionetten? Der Fall Schlecker macht jedenfalls deutlich: Es gibt einen Unterschied zwischen nix und gar nichts. Anton Schlecker sagt vor Gericht, er habe gar nichts.“ Schon liegt Jörg die nächste kritische Frage auf der Zunge: „Wo spannt sich der Götterhimmel der Götzen?“

Der Ex-Seelsorger regt an, sich zu hinterfragen. Seine kuriosen, schrägen Geschichten sollen wachrütteln. Und das nicht ohne triftigen Grund: „Wir entwickeln uns immer mehr zu Zuschauerdemokraten. Der Mensch braucht Führung“, ist Jörg überzeugt. „Helmut Kohl hielt nie viel von Demokratie. Bei Joschka Fischer und Gerhard Schröder wusste ich nie, wer der Nikolaus und wer der Knecht Ruprecht ist. Dann kam Angela Merkel, die Anästhesistin der Nation. Jetzt sind wir seit zwölf Jahren im Wachkoma“, wie Jörg die Gleichgültigkeit nennt, die sich mehr und mehr in Deutschland breit gemacht hat. „Wir gucken nur zu.“

Das klingt nach einer Mission. Und genau diesen Eindruck hat auch ein Zuhörer in der vordersten Reihe, wie er in der Pause sagt. Wachrütteln, kritisch-ironisch beleuchten, spottend übertreiben – man darf auf den Jahresrückblick 2018 gespannt sein. „Da nehme ich mir die Studentenbewegung der 1968er vor. Überhaupt gibt es eine Menge Achter-Jahre, die interessant waren“, sagt Mike Jörg, der künftig auch mit einem Ganzjahresstück auf den Bühnen in der Region unterwegs sein will.

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