„Maßstäbe für andere Gemeinden gesetzt“

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Ein gutes und perfekt eingespieltes Team: (von links) Axel Töbel, Bernhard Wrobel, Helga Baumhauer-Gessler und Alois Rauber bild
Ein gutes und perfekt eingespieltes Team: (von links) Axel Töbel, Bernhard Wrobel, Helga Baumhauer-Gessler und Alois Rauber bilden den Vorstand der „Freunde und Förderer der Pauline 13 im Bodenseekreis“ Bild: Geiselhart (Foto: Brigitte Geiselhart)
Brigitte Geiselhart

Es war ein Abend des dankbaren Rückblicks – aber auch des mutigen Blicks in die Zukunft. Und es war eine Veranstaltung, die trotz aller Feierstimmung auch zum Innehalten und Nachdenken einlud. Beim Jubiläumfest zum 20-jährigen Bestehen der „Freunde und Förderer der Pauline 13 im Bodenseekreis“ im voll besetzten Bürgersaal des Immenstaader Rathauses wurde vor allem aber deutlich: „Ohne den bereits 1986 gegründeten Mutterverein und seinen Förderverein wäre vieles an Lebensqualität schaffenden Angeboten und Leistungen für Menschen mit psychischen Erkrankungen heute nicht möglich“, wie Sozialminister Manne Lucha in seinem Festvortrag zum Thema „Den gesellschaftlichen Zusammenhalt verantwortlich gemeinsam gestalten“, betonte.

„Sie müssen sich vorstellen: 1970 gab es in der psychiatrischen Kliniken noch Schlafsäle mit 70 Personen!“ Einer von vielen denkwürdigen Sätzen aus der Begrüßungsrede von Alois Rauber, langjähriger Vorsitzender des Fördervereins. Psychisch Kranke seien bis in die 1980er-Jahre in großen Anstalten unter menschenunwürdigen Umständen „verwahrt“ worden, hätten keine Lobby gehabt und seien im Rausch des Wirtschaftswunders vergessen worden. Desolate Missstände in den psychiatrischen Kliniken sowie die Erkenntnis, dass psychisch Kranke in der Klinik nach längerer Zeit Ihre Fertigkeiten verlören, chronifizierten und hospitalisierten, hätten damals zur Erkenntnis geführt, dass die Patienten in einer heimischen Umgebung viel besser gesunden könnten“, so Rauber.

„Vorbildliche ambulante gemeindenahe Versorgung“

Der Pauline 13 sei es in den vergangenen gut drei Jahrzehnten gelungen, eine vorbildliche ambulante gemeindenahe Versorgung für psychisch Kranke in Bodenseekreis zu etablieren. „Sie hat Modellcharakter in ganz Baden-Württemberg“, sagt Alois Rauber. Dem Mutterverein „den Rücken stärken und finanzielle Lücken zu schließen“, dieses Ziel hat sich der Fördererverein mit Erfolg auf die Fahnen geschrieben. In den vergangenen 20 Jahren konnten knapp 500 000 Euro an Spendengeldern eingefahren werden. Wichtig bleibe es für den Förderverein aber auch in Zukunft, die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen, zu informieren und so einen Beitrag dazu zu leisten, Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen abzubauen, so Rauber.

Groß war die Zahl der Grußredner an diesem Abend. Bürgermeister Johannes Henne überbrachte die Glückwünsche der Gemeinde Immenstaad und würdigte die Tatsache, dass der Förderverein der Pauline 13 zu einem gelingenden sozialen Miteinander innerhalb der Gesellschaft beigetragen habe. Von einer „Pionierarbeit“, von „Treue und Beständigkeit“ sprach Birgit Heidlauf vom Landratsamt in Vertretung von Landrat Lothar Wölfle. Ein „ehrliches und authentisches Interesse“ bescheinigte Ulrike Amann als Vorsitzende des Muttervereins Pauline 13 insbesondere den Vorstandsmitgliedern des Fördervereins und bedankte sich für die Unterstützung und Freundschaft. Aus dem Blickwinkel eines Betroffenen lobte Rainer Schaff, Patientensprecher der Initiative Psychiatrieerfahrener im Bodenseekreis die Leistung des Fördervereins. „Sie haben Maßstäbe für andere Städte und Gemeinden gesetzt. Dafür gebührt Ihnen meine höchste Bewunderung“, so Bürgermeister Andreas Köster im Namen der Stadt Friedrichshafen.

„Was ist normal? Sind das die Unauffälligen? Sind das Diejenigen, die in krampfhaften Abnehm-Versuchen immer mehr Sport machen oder magersüchtig werden? Sind das Leute, die sich vor einem Millionenpublikum Regenwürmer in den Mund stecken? Oder sind das wir, die wir uns die Sendungen anschauen und darüber lachen?“ Viele nachdenklich machende Fragen richtete Sozialminister Manne Lucha zu Beginn seines Festvortrags in die Runde – und freute sich, dass er – der früher selbst fachlicher Leiter der Pauline 13 war –auf seiner „eigenen Geburtstagsveranstaltung“ sprechen durfte.

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