Silja Meyer-Zurwelle

Bibliothek, Kinderhaus, Familientreff und nicht zuletzt eine tragende Wohnungsgemeinschaft: Mit großen Plänen ist das Mehrgenerationenhaus am Teuringer im Juni 2018 an den Start gegangen. Doch was verbirgt sich hinter diesem vielversprechenden Wort „Mehrgenerationenhaus“ und welche Bilanz können die Bewohner nach dem ersten Jahr ziehen?

„Ich war hier sofort zuhause. Als ich nach der ersten Nacht in meiner neuen Wohnung aufwachte, wusste ich gleich, wo ich bin“, erinnert sich Maria Khalifa an ihren Einzug in die neue Zweizimmerwohnung. Sie ist eine von 33 Menschen, die inzwischen in dem hellen Bau ein Domizil bezogen haben. Gemeinsam mit Bewohnerin Johanna Troll war sie auch eine der Ersten in dem neuen Haus. „Ich bin hier noch fast auf die Baustelle gezogen, deshalb bin ich jetzt Baggerfan. Minibagger, Schaufelbagger, mir macht da so schnell keiner mehr was vor“, sagt Johanna Troll und in ihr folgendes Lachen stimmen alle anderen mit ein. Sowieso ist die gute Stimmung am Tisch im hauseigenen Café auffällig, die Gemeinschaft spürbar. Ob das am Haus liegt?

Johanna Troll winkt ab: „Die Leute sind hier wie überall – wer zuvor unzufrieden war, der ist es hier auch. Man nimmt sich ja selbst auch mit“, meint sie. „Aber hier ist alles ganz neu“, erwidert Philipp Schadt. „Nur ich nicht“, lautet die prompte Antwort von Johanna Troll. Wieder bricht Gelächter aus.

„Die Bewohner setzen sich aus zwei Dritteln über 60Jahren und einem Drittel darunter zusammen“, erläutert Gemeinwesenarbeiter Michael Friedrich-Gaire. Das Besondere an dem Konzept, das zur Stiftung Liebenau gehört, sei die starke Anbindung an den den öffentlichen Raum und die Gemeinde, wie etwa bei dem großen Neubürgertreffen im vergangenen Jahr, sagt er. Das gebe es so bei keinem anderen dieser Projekte im Bodenseekreis.

Und das wissen auch die Bewohner sehr zu schätzen. „Alles, was wir brauchen, haben wir hier direkt vor der Tür“, sagt Gisela Maucher. Die Eingewöhnung sei ihr in der neuen Umgebung aber nicht nur deshalb leicht gefallen: „Ich hatte in meinem alten Haus drei Wendeltreppen, hier gibt es einen Aufzug. Die Dinge, an denen ich sehr hänge, konnte ich in meine neue Dreizimmerwohnung alle mitnehmen.“

Carsten Weigelt gehört zu der jüngeren Generation des Hauses am Teuringer. Nach einem Unfall sitzt er im Rollstuhl, seine neue Wohnung ist barrierefrei. „Das Projekt hat sich genau zum richtigen Zeitpunkt aufgetan, denn es ist gar nicht so einfach etwas Barrierefreies zu finden“, sagt er. In der Gemeinschaft engagiert er sich seit seinem Einzug im November außerdem innerhalb des Bewohnerbeirats, der beispielsweise dazu da ist, technische Probleme an den Hausmeister weiterzuleiten. Für Magdalena und Philipp Schadt kam das Wohnprojekt ebenfalls im richtigen Moment zustande. „Wir konnten in unserem alten Haus nichts mehr tun. Es ist furchtbar, wenn man das Gras wachsen sieht, aber es nicht mähen kann. Das hat keinen Wert. Wir haben Glück gehabt, dass wir hier eine Wohnung gefunden haben“, sagt Magdalena Schadt. Und wie eng sind die verschiedenen Generationen des Hauses wirklich verknüpft? „Ich habe hier eine türkische Tochter und zwei türkische Enkelkinder“, berichtet Johanna Troll stolz. Die junge Mutter habe eines Tages vor ihrer Tür gestanden und gefragt, ob Troll nicht ihre „Mama“ sein wolle, da sie keine mehr habe. „Wir hatten beide Pipi in den Augen, als ich zugestimmt habe“, schildert Johanna Troll. Sogar ein Muttertagsgeschenk habe sie jüngst bekommen und die Kleinen würden oft bei ihr vorbeikommen.

Wie stark der Zusammenhalt ist, hat auch Maria Khalifa erfahren: „Als ich vor einiger Zeit krank wurde und irgendwann wieder aus dem Krankenhaus zurück war, standen die Nachbarn regelmäßig mit Süppchen vor der Tür. Es war so rührend. So eine Nachbarschaft gibt es selten.“

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