Gastfamilie will Abschiebung von Elyas verhindern

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Abschiebung: Gastfamilie kämpft für Elyas

Fast 6000 Menschen aus Afghanistan haben alleine in den ersten drei Monaten diesen Jahres Asyl in Deutschland beantragt. So wie Elyas Ahmadzai vor einem Jahr. Als er nach Deutschland kam, kam er mit dem Traum von einem besseren Leben. Der droht jetzt zu zerplatzen.

Schwäbische Zeitung

30 Tage hat Elyas Ahmadzai Zeit, Deutschland zu verlassen. Sonst droht ihm die Abschiebung. So steht es im Bescheid des Bundesamtes für Migration (BAMF), den der 18-jährige Asylbewerber aus Kundus/Afghanistan am 24. März aus Nürnberg bekommen hat.

Ein Schock nicht nur für ihn, der nach seiner Flucht seit zwei Jahren am Bodensee lebt, gut deutsch spricht, voll integriert ist, bei MTU in Friedrichshafen derzeit eine Einstiegsqualifizierung macht und der beste Aussicht auf eine Lehrstelle hat. Auch seiner Gastfamilie in Oberteuringen geht die Entscheidung zu weit. Gemeinsam haben sie Widerspruch beim Verwaltungsgericht Sigmaringen eingelegt und eine Petition für den Verbleib von Elyas gestartet. Mehr als 550 Unterstützer haben sich bereits angeschlossen.

Keine vorliegenden Schutzgründe

Ob das alles hilft, dem jungen Afghanen ein zumindest befristetes Aufenthaltsrecht zu verschaffen, ist ungewiss. „Das Bundesamt kann und darf Integrationsleistungen bei der Entscheidung im Asylverfahren nicht berücksichtigen“, heißt es aus dem BAMF auf Anfrage. Bei Elyas ist der Entscheider zu der Auffassung gekommen, dass keine Schutzgründe vorliegen. Der Ablehnungsbescheid und die Ausreiseaufforderung seien die logische Folge. Der Vollzug der Abschiebeandrohung nach 30 Tagen liege aber nicht in der Zuständigkeit des BAMF, sondern der Bundesländer beziehungsweise der Ausländerbehörden vor Ort. Die Information aus dem dafür zuständigen Regierungspräsidium Karlsruhe, dass Elyas Ahmadzai ausreisen muss, sei im Landratsamt noch nicht angekommen, heißt es dort auf Nachfrage.

Dass morgen Polizisten vor der Haustür von Marie und Frank Härtel in Oberteuringen stehen, um Elyas abzuholen, ist deshalb unwahrscheinlich. Aber nach den Sammelabschiebungen nach Afghanistan Anfang des Jahres und dem wachsenden politischen Druck, abgelehnte Asylbewerber schneller außer Landes zu schaffen als bisher, sind alle sensibilisiert.

Die Gasteltern von Elyas setzen deshalb alle Hebel in Bewegung, eine Abschiebung abzuwenden. Und sie haben dafür gute Gründe. Zum einen sei Afghanistan alles andere als ein sicheres Land und Kabul kein sicherer Ort, zum Leben. Zum anderen bemühe sich Elyas um seine Integration nach Kräften.

Seit August 2016 lebt der 18-Jährige bei Härtels und fühlt sich in der fünfköpfigen Familie geborgen und wohl. Die siebenjährige Carla, der vierjährige Ole und die zweijährige Martha sind für ihn wie Geschwister. Für ihn, der in Afghanistan in einer Großfamilie aufwuchs, sei Familienanschluss extrem wichtig. Allein hätte er es wohl nicht geschafft, sagt Elyas. Er kenne viele, die in Heimen leben und denen es trotz aller Anstrengung nicht gelingt, aus dem Milieu herauszukommen.

„Glücksfall meines Lebens“

„Familie Härtel ist für mich der Glücksfall meines Lebens“, sagt Elyas. Sie gibt ihm Rückhalt, fördert ihn und fordert ihn. Mit Frank Härtel sei er schon einen Halbmarthon gelaufen. Er spielt in der A-Jugend Fußball, half in einem Obstbetrieb und in einem Hotel aus, übersetzt und ist gerade dabei, den Führerschein zu machen.

Seit Januar besucht Elyas die Einstiegsqualifizierung bei MTU in Friedrichshafen und lernt in der Vorbereitungsklasse an der Hugo-Eckener-Schule weiter deutsch, um fit für eine Ausbildung zu werden. Einen Ausbildungsvertrag werde er auf jeden Fall bekommen, sagt Frank Härtel, ob bei MTU oder in einem anderen Betrieb. Die IHK habe großes Interesse daran, dass Geflüchtete wie Elyas eine Lehrstelle bekommen.

Außerdem versicherte die Leiterin der Konstanzer Arbeitsagentur Jutta Drisch erst vor wenigen Tagen in dieser Zeitung: Für alle zehn MTU-Praktikanten gelte die so genannte 3+2-Regelung, das heißt: Nach der Ausbildung können sie mindestens zwei Jahre beschäftigt werden, ohne dass die Abschiebung droht.

Für Antonia Tabuso, Seminarleiterin und Willkommenslotsin beim Beruflichen Fortbildungszentrum (bfz) in Friedrichshafen ist Elyas ein Paradebeispiel gelungener Integration. „Wer, wenn nicht er hat die Chance, hier Fuß zu fassen“, sagt Tabuso. Seine Abschiebung wäre nicht nur eine persönliche Katastrophe, sie wäre ein Rückschlag für alle, die sich um Integration bemühen. Also lieber den Kopf in den Sand stecken und in Hartz IV hängen bleiben?

Das kann’s doch nicht sein, sagen Marie und Frank Härtel. Sie haben selbst schon im Ausland gelebt und wissen, wie viel Energie es kostet, anzukommen. „Deshalb haben wir uns durch das ’wir schaffen das...’ direkt angesprochen gefühlt und uns gefragt, was wir dazu beitragen können“, sagt Frank Härtel. Dass ihr Einsatz jetzt umsonst gewesen sein soll und Elyas in ein Land zurück muss, das zu bereisen das Auswärtige Amt „dringend“ abrät, empfinden die beiden als Zumutung.

Das sagen Unterstützer

„Das Quorum von 29 000 Unterschriften, damit die Petition vom zuständigen Ausschuss des Landtags behandelt werden muss, werden wir nicht erreichen“, sagen Marie und Frank Härtel. Sie wollen mit ihrer Initiative vielmehr wachrütteln und verstehen sie als ein Zeichen der Solidarität. Mehr als 550 Unterstützer haben sie schon, darunter fast 400 aus Baden-Württemberg. Warum sich Leute der Petition für Elyas anschließen, begründen einige explizit und mit ausführlichen Worten:

„Ich habe Elyas als Referendarin beim Integrationsunterricht kennen gelernt. Er ist ein aufgeschlossener und sehr lernfähiger junger Mann. Ich befürworte und will, dass er in einen gesicherten Aufenthaltsstatus bekommt und seine bisherigen und auch erfolgreich erbrachten Leistungen Berücksichtigung finden.“

„Elyas ist ein Spieler meiner Fußballmannschaft. Er ist ein klasse Typ auf den immer Hundert Prozent Verlass ist.“

„Er ist gut integriert in unserem Fußballverein und versucht sich dort zu engagieren in vielerlei Hinsicht.“

„Es werden Menschen in ein Land zurück geschickt, in dem Krieg herrscht. Das ist nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar. Flüchtlinge und Migranten, die sich integrieren, unsere Gesetze respektieren und arbeiten, sollten ein Bleiberecht bekommen, wir brauchen sie und sie brauchen auch uns.“

Die Petition der Familie Härtel ist im Internet abrufbar unter

www.openpetition.de

. Geben Sie einfach im Suchfenster den Namen Elyas ein.

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